Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Ein Judenstaatsplan aus den Jahren 1832 - 1845
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 477 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 477 danke eines Judenstaates. Es muß, übertriebenen Folgerungen vorbeugend, gleich jetzt gesagt sein, daß er auch weiterhin mit Recht in ihrem historischen Bilde fehlen wird. Die hier neugedruckten Aktenstücke können unsere Anschauung dieser Epoche in keinem wesentlichen Punkte ändern, und haben — von dieser Seite her gesehen — also lediglich Kuriositätswert. Was sie darüber hinaus hebt, ist nicht eine historische Wirkung — die sie ja eben, ganz vereinzelt und unbeantwortet, wie sie geblieben sind, nicht gehabt haben — sondern eine höchst merkwürdige und lehrreiche Analogie zur jüngsten zionistischen Vergangenheit und Gegenwart. Auch diese wird sich allerdings erst nach einer, nun spezielleren, Betrachtung der zeitgebundenen, im engeren Sinne historischen Elemente erschließen. Über die Persönlichkeit desBriefschreibers, des Kaufmannes Bernhard Behrend sen. aus Rodenberg in Hessen, war nichts als das aus seinen Selbstzeugnissen unmittelbar Hervorgehende zu ermitteln l). Hier erscheint er als ein einigermaßen wohlhabender, wenn auch keineswegs reicher Kaufmann in einem hessischen Landstädtchen. Er steht — sehr im Gegensatz zum heutigen, schreckenerregenden Verfall des deutschen Landjudentums — noch ganz lebendig in den Zusammenhängen jüdischen Lebens und Wissens, wie die ganze Art seiner gesamtverantwortlichen Initiative und die altjüdische Form seiner Briefe zeigen. Unverdrossen nimmt er seinen Plan immer wieder von neuem auf, wenn auch mitunter erst nach jahrelangen Pausen der Enttäuschung. Nacheinander wendet er sich an die drei Vertreter der wirtschaftlich-geistig-politischen Emanzipation: an den großen Geldmann Rothschild, an den späteren Volksvertreter Gabriel Riesser und an den Rabbiner und Publizisten Ludwig Philippsohn. Während Rothschilds und Philippsohns kurze Ablehnungen für ihr historisches Bild nichts Neues, jedenfalls *uchts Rühmenswertes beitragen, erscheint Riesser hier doch in einem wesentlich anderen Licht als in seinen für die Öffentlichkeit bestimmten Äußerungen. Seine sehr höfak se^lr 11111 Begründung bemühte Ablehnung gipfelt nicht, wie man erwarten l) Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Kot Dr. A.Freimann istB.B. mit dem Übersetzer und Herausgeber des „M'norath Aamaor" nicht identisch. sollte, in einer grundsätzlich schroffen Betonung seines Deutschtums, das ihm die Auswanderung unmöglich mache, sondern vielmehr in dem Eingeständnis, daß er nicht mitrufen wolle, wo er nicht mitgehen könne. Zwar hat er gewisse Einwände gegen die Massenkolonisation, die ihm möglicherweise als „national" verdächtig war — das Wort selbst erwähnt keiner der Briefschreiber — doch wird das alles mit großer Behutsamkeit und in der Haltung eines, nach vielen tapferen Kämpfen, am Sieg der Sache des deutschen Juden schon reichlich skeptisch gewordenen Mannes gesagt. Jenes tiefe Gefühl für die außerordentliche Labilität der Lage und für die Fragwürdigkeit des gerade eingenommenen eigenen Standpunktes, angesichts der ungeheuren Vielfältigkeit und Verstricktheit des jüdischen Lebens, jenes bescheidene Bewußtsein, daß vielleicht alles falsch war: es ist dem deutschen Judentum erst in den folgenden Jahrzehnten starrerer Parteienbildung endgültig abhanden gekommen. In den vierziger Jahren war zwischen den. jüdischen Menschen und deshalb auch im jüdischen Menschen noch alles im Fluß. Riesser wenigstens hat sich das typische Gefühl des besten Galuth: das. der Vorläufigkeit und Nicht-Letztheit des eigenen Denkens und Tuns, stark bewahren können, wie wir aus diesem Briefe—wohl erstmalig — erfahren; stärker jedenfalls als der Baron von Rothschild, der — schon ganz wie ein richtiger moderner Frankfurter Orthodoxer — auf seinem Kontor, in jeder Hinsicht gesättigt, den Messias erwartet. Hinter den zeitbedingten Personen dieses kleinen Vorspiels zu einem großen Drama aber zeigen sich nun die gemeinsamen Hintergründe. Obwohl Behrend an Nordamerika denkt, führt ihn doch die unbewußte Zionssehnsucht auf seinem Wege. Und obwohl er nicht von der „Nation" spricht — warum denn auch? — so ist doch seine seelische Situation, die das eigene Wohlsein wegen des Unglücks der Brüder nicht erträgt, eine tief dem Volk verkettete. Schon hier zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele zu Theodor Herzls zionistischen Anfängen; noch deutlicher aber wird sie in der R e i h e n f o 1 g e des Vorgehens, das bei beiden, der historischen Bedeutung und dem geistigen Niveau nach gewiß nicht vergleichbaren Mannern, erst sehr allmählich von den ablehnenden Notabein zum Aufruf an das Volk führt. Wie dort der orthodoxe Geld - jude Rothschild, so steht hier der liberale