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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 476

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Ein Judenstaatsplan aus den Jahren 1832 - 1845
Date
1923-01-01
Page
476 (sequence 2)
Language
German
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476 Umschau: Geschichte Rezensionen, so daß der Hauptteil im wesentlichen für Korrespondenzen aus allen Enden der jüdischen Welt frei blieb. Von Zeit zu Zeit waren den Heften, neben den völlig annonceartigen „Ankündigungen", deren sich am Ende jeder Nummer einige finden, besondere „Beilagen" beigegeben, die — auf Kosten des Verfassers, also gleichfalls „als Inserat" — die Leser mit umfangreicheren Kundgebungen persönlicher oder sachlicher Natur bekannt machten. Dieses eigentümliche Mittelding zwischen dem redaktionellen und dem Inseratenteil war bei den damaligen Zeitschriften durchaus üblich und ist als ein Zeichen eines sich jungfräulich und lebendig regenden publizistischen Triebes anzusehen. Die uns hier vorliegende, 4 Oktavblätter umfassende Beilage — auf die Herr Fritz Goitein in Frankfurt aM, die Aufmerksamkeit der Redaktion lenkte ■—■ enthält Aktenstücke vom Anfang Dezember 1832 bis zum 27. November 1845. Die dadurch umspannten 13 Jahre fallen in die trübsten Zeiten des jüdisch-deutschen Emanzipationskampfes. Gemeinsam mit den anderen nach vermehrter Freiheit strebenden Bewohnern der deutschen Staaten litt die Judenheit unter der Nichteinlösung der Verfassungsversprechungen aus den Freiheitskriegen, unter der politischen Rückbildung, die Metternichs- Friedrich Wilhelms „Heilige Allianz" über das gesamte öffentliche Leben brachte und unter der neuen Enttäuschung darüber, daß sich auch nach der Thronbesteigung des umhofften Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. nichts zu ändern schien. Diese Jahre bis 1840 brachten dem Judentum, neben den allgemein-politischen, noch eine besondere Belastungsprobe: die Blutlüge und den Lügenprozeß von Damaskus, zugleich damit allerdings auch — im Hervortreten der Moses Montefiore und Adolphe Cretnieux als Sprecher der Gesamt judenheit und in den ersten Anfängen der „Aliance universelle isra61ite" als Vertretung des füreinander bürgenden Klal- Jisroel— die erste neue Hoffnung auf Wiederherstellung der verloren gegangenen nationalen — wenn auch nur zum Teil noch als national empfundenen — Einheit des ganzen Volkes. Diesem äußeren Bild entsprach ein geistiges Leben, das man sich gar nicht rege und hochstehend genug vorstellen kann und das sich, außer in den klassischen Werken der ersten und zweiten Epoche jüdischer Wissenschaft, eben in der ungemein lebendigen Zeitschriftenliteratur dieser Jahrzehnte entfaltete, von der die heutigen geringen und wenigen Überbleibsel nur einen sehr unzulänglichen Begriff geben können. Auch Tendenzen, die sich der nachträglichen historischen Betrachtung als „negativ" oder „zerstörend" erwiesen haben, zeigten eine solche Leidenschaft ihrer Träger und soviel Haltung in ihren herausgestellten Erzeugnissen, daß die ihnen entgegengebrachte, fast allgemeine Anteilnahme der „Laien" sehr berechtigt war. Als eine besondere Eigentümlichkeit dieser Jahrzehnte bleibt noch zu erwähnen, daß der Kampf um die äußere Emanzipation einerseits und die jüdisch-wissenschaftlichen Bestrebungen andererseits nicht auseinanderfielen, sondern im Gegenteil in der engsten und fruchtbarsten Wechselwirkung miteinander standen. So wenig die schädlichen Folgen dieser Verkoppelung übersehen werden sollen — die sich vor allem in einer übermäßigen Apologetik zeigten — ebensowenig sollte doch eine vom Scheinbilde angeblich „objektiver Wissenschaft" sich eben — endlich! — losreißende jüdische Generation deren Einwände gegen eine jüdische Wissenschaft vom jüdischen Leben a p r i o r i übernehmen. Die Tatsache, daß Zuntzens Werk über die „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" aus dem lebendigen Eifer für die von der reaktionären Regierung als „Neuerung" verbotene Predigt entstanden ist, stellt es wissenschaftlich nicht tiefer und historischsymbolisch höher, als wenn alles blutleerer, „objektiver" also, zugegangen wäre. Und die unwiderstehliche Anziehungskraft, die heute noch von Lörs „Ben Chanajna", von Frankels, Philippsons, von Geigers beiden Zeitschriften und von Fürsts „Orient" her auf den heutigen Leser einwirkt, beruht eben auch auf dieser einzigartigen Mischung vonHistorie und Aktualität: von einem Gestern, das mit einem möglichst großen Teil seines Bestandes sich ins Heute retten will, und einem Heute, das sich, selbst bei radikalstem Reformwillen, in möglichst breitem und tiefem Ausmaß vom Gestern her zu legitimieren sucht. Die charakteristische Un- und Überzeitlichkeit des Judentums, die sich allen eigentlich historischen Kategorien immer wieder so lebensvoll zu entziehen weiß» scheint sich, bis zu einem gewissen Grade, in den besten Menschen und Werken auch dieser Epoche zu verkörpern. Im bestimmenden Bilde dieser Zeit fehlt, trotz gelegentlichen Auftauchens, der Ge-

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