Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Die Großgemeinde
Date
1923-01-01
Page
474 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108306--6314-3108427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

474 Umschau: Gemeindeleben der Wert vieler Reformen, die sich an fremde Vorbilder anlehnten, auf jüdisch-sozialem Gebiete anzuschlagen ist, der Zweck wurde lange nur in geringem Grade erreicht, und erst in allerletzter Zeit sind diese Errungenschaften zu fruchtbaren Ergebnissen gediehen. Das Ehren- und besoldete Beamtentum, das auf jüdisch-sozialem Gebiete wirkte, gehört mit zu den unerfreulichsten Erscheinungen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, die aber das Gesamtbild nicht beeinflussen. Der ganze Dünkel einer auf ihre angebliche Kultur sehr mit Unrecht stolzen Bureaukratie tobte sich ungehemmt aus. Gleichgültig, ob es sich um geschlossene Pflege in Anstalten oder um offene Pflege handelte. Wehe dem Unglücklichen, der in die Klauen dieser Bureaukratie geriet, die mit ihrer durchaus eigensüchtigen, jeder Öffentlichen Verantwortlichkeit baren Einstellung in ihm das Opfer ihrer hohen Erziehungsweisheit erblickte, ihn zu dem Almosen, das eigentlich nicht recht verweigert werden konnte (und gar oft geschah auch dies) mit Hohn und billigen Ratschlägen abspeiste. Und doppelt wehe dem, der, mit dem Makel des Ostjuden behaftet, an die Pforten einer solchen Gemeinde klopfte. Es gab eine Zeit, und sie ist gar nicht so lange her, da man das, was heute vielleicht nur noch leise hinter den Kulissen gelispelt wird, offen sagte, eine Zeit, in der man über die „Schnorrer und Verschwörer" aus dem Osten nicht anders urteilte als die antisemitische Meute, in ihnen einen Fremdkörper im Fleische der deutschen Judenheit erblickte. Und diese „patriotische" Einstellung übertrug sich von dem sozialen Gebiete auf das Verhältnis gegenüber den „Fremden", insbesondere gegenüber den Ostjuden. Ostjude — das war nicht nur identisch mit Schnorrer, das bedeutete vor allem einen Störenfried in dem Idyll der westlichen Zivilisation, einen aus der Wildnis Vertriebenen mit fremden, rückständigen Sitten, dessen Erscheinen den Antisemitismus züchten mußte. Ein von Kulturdünkel aufgeblähter Polizeigeist wies jede Solidarität mit diesen „Elementen" weit von sich, lehnte jeden nationalen Zusammenhang der Juden entschieden ab; die antisemitische Deutung der interterritorialen Solidarität der Juden leistete dieser Einstellung auf Seiten der Juden nur willkommenen Vorschub. Die Verwaltung war alles, der Geist nichts. Wohl zu den traurigsten Kapiteln, die einst der Darsteller der Gemeindegeschichte zu verzeichnen haben wird, gehört das Berufsbeamtentum der Großgemeinden. Die meisten der kleinen und mittleren Gemeinden haben naturgemäß ein kleines Personal, das weit häufiger als die Kollegen in der Großstadt für sein Verhältnis zu der Gemeinde irgendwelche ideellen Momente in die Wagschale werfen kann. Ganz anders gestalteten sich die Dinge in den großen jüdischen Verwaltungskörpern, die eben reine Mechanismen geworden waren, jeder tieferen, inneren Beziehung zu Juden und Judentum bar. Geht einmal selbst in die Gemeindestuben mit ihren Hunderten von Beamten — und ihr werdet kaum eine Handvoll finden, die von anderem wissen als von dem bischen Zeremoniell, von dem sie läuten gehört oder einen äußerlichen Begriff haben, die das Hebräische auch nur in seiner Anwendung als Kultsprache kennen, die irgendein inneres Interesse auf die Beschäftigung mit jüdischen Problemen verweist, die über das jüdische Leben außerhalb der Gemeindestuben auch nur den dürftigsten Bescheid geben können. Die Großgemeinden sind zu Futterkrippen geworden, die wahllos der Versorgung derer dienen, die fast immer der Zufall, 'häufig auch die Gunst, dem Dienste der jüdischen Öffentlichkeit zugeführt hat. Es gehört mit zu dieser Groteske, daß manche Großgemeinden sogar Nichtjuden auf einflußreiche Posten beriefen, was schließlich in einem nur noch dem Namen nach jüdischen Milieu nicht weiter Wunder nehmen kann. Daß in Mischehe lebende Beamte einen recht beträchtlichen Prozentsatz bilden, ist nur ein verhältnismäßig nebensächliches, wenn auch durchaus kennzeichnendes Detail. Die der jüdischen Zusammenhänge bare, übrigens bisweilen in einem ungewöhnlichen m Maße von der Verantwortung als Organ der Öffentlichkeit sich frei fühlende Bureaukratie hatte natürlich ihren Blick ganz auf das Formale, auf das Behördliche abgestellt. Liebedienerisch gegenüber den ehrenamtlichen Vorgesetzten, bei denen sie sich in „Brot und Lohn" fühlten, verständnislos dem jüdischen Leben gegenüber, völlig ihre wahre Aufgabe verkennend, ganz und gar auf ihre kleinlichen materiellen Sorgen eingestellt — übrigens bei der dürftigen Besoldung kein Wunder — bildeten und bilden diese Beamten noch heute eines der stärksten Hemmnisse gegen einen anderen Geist in der Verwaltung. Denn so eifrig auch Ehrenbeamte an den Gemeindeaufgaben mitwirken mögen, die Macht, die in die Hände der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.