Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Großgemeinde
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 473 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Gemeindeleben 473 jüdische Wesen in die Brüche gehen, die Hauptsache ist, daß die Gemeinde „Behörde"' spielen darf, es in allen Hinsichten Stadt und Staat gleichzutun sucht, was schon wegen des Prinzips der freiwilligen Zugehörigkeit, die nach dem Willen des Einzelnen gelöst werden kann, bei den jüdischen Gemeinden ganz abwegig erscheint. Diese bisweilen ans Groteske streifende Einstellung der jüdischen Gemeindepolitik ist eine durchaus logische Konsequenz des von den führenden Geistern angestrebten Verhältnisses der Juden zur Gesellschaft. Denn der Wunsch, eine große, nach außen hin auf Geltung abgestimmte Verwaltungsmaschinerie zu etablieren, war keineswegs Selbstzweck, sondern nur ein Glied in der Kette der Maßnahmen, die auf möglichst lückenlose Einfügung der Juden in die Gesellschaft abzielten. In der Linie des geringsten Widerstandes lag dieser Weg, der von allen traditionellen Hemmnissen gesäubert werden mußte. Das Judentum, diese „abstrakte Idee", diese an gewissen Tagen des Jahres geübte Reminiszenz, -aus der alle nationalen Bestandteile möglichst sorgfältig ausgerottet wurden, bis der heranwachsenden Generation nicht mehr als ein von ihr seit den frühesten Kindheitstagen verletztes Zeremonialgesetz verblieb, wurde „verwaltet" von Männern, die, so hochstehend sie vielleicht sonst waren, mit eiserner Konsequenz dieses Absteigen von den alten Werten verfolgten, ohne zu ihrem Ersatz Neues schaffen zu können. So rücksichtslos mußte dieses Ziel erstrebt werden, daß jeder Widerstand dagegen mit Gewalt gebrochen wurde. Wer als Rabbiner oder Lehrer dieses Evangelium der Assimilation nicht predigte, vielleicht nur, weil ihm sein Stolz Lakaiendienste von Gnaden einer in Jüdischen Dingen ignoranten Oligarchie verbot, wurde verketzert und verjagt. Was Wunder, daß die auf eine Zahl von zwei Stunden verdünnte „jüdische Erziehung" zu einer gotteslästerlichen Farce herabgewürdigt wurde. Zerrissen und zertreten lag der jüdische Geist zu Boden, seine Rudimente wurden in Raritätenkabinett verbannt; und was u°rig blieb als Repräsentant des Judentums, war ein träger Verwaltungsmechanismus, dessen Herren im Vollgefühl ihres Machtkitzels die kleinen, nicht immer gefügigen gemeinden zu beherrschen suchten. Aber <hese Macht fand im Leben eine Grenze. Die Bedrückung der Minderheiten führte zu dem v°n der strengen Orthodoxie, die nicht zu ihrem Rechte kommen konnte, erstrebten Austrittsgesetz, das durch die Möglichkeit der Gründung von Separatgemeinden einen Ausweg schuf, auf dem die Minorität der geistigen Tyrannei der Gemeindeleiter sich entziehen konnte. Der Gegensatz zwischen „orthodox" und „liberal" ist zwar mit Groß- und Kleingemeinde nicht ohne weiteres identisch, aber es war in der Praxis mit gewissen Ausnahmen doch so, daß die Großgemeinde sich als Repräsentantin des „Fortschritts" gegenüber den „reaktionären" Kleingemeinden fühlte, und so lief dieser Gegensatz vielfach auf den Versuch einer Majorisierung der Orthodoxie hinaus. Zu der Zeit, als das Schisma durch das Austrittsgesetz vollzogen wurde, waren die Zustände in den Großgemeinden für die Orthodoxie in der Tat unleidlich. In ihren Lebensfragen: Gottesdienst, Kaschruth, Unterricht usw. konnte sie so gut wie nichts erreichen. Ihre Forderungen wurden, wenn nicht mit Hohn, so doch mit der überlegenen Pose des „Fortschritts" als unzeitgemäß abgetan, bis dieser Zwang zu dem äußersten Mittel, der Trennung, führte. Kein Wunder, daß auch heute, da in den Großgemeinden doch bereits ein anderer Geist in dieser Hinsicht herrscht, die Erinnerung an die Zeit dieses geistigen Zwanges das Mißtrauen nicht schwinden läßt. Die Großgemeinden haben ihre Machtstellung stetig ausgedehnt und unablässig die Bevormundung auf gemeindepolitischem Gebiete erstrebt. Diese angemaßte Führerschaft gebärdete sich gegenüber den Minderheiten umso herausfordernder, je mehr der Kampf nicht nur der verhältnismäßig harmlosen Orthodoxie, sondern auch den viel gefährlicheren und heftiger auftretenden Zionisten galt. Auf den Tagungen der großen jüdischen Verbände platzten diesewiderstreitenden Interessen immer heftiger aufeinander. Und wieder war es die Großgemeinde, die, statt verständnisvollen Eingehens, ihr Diktat den Wünschen der Opposition entgegensetzte. Das haben Orthodoxe und Zionisten lange Zeit hindurch in gleicherweise erfahren. Die antinationale, bisweilen geradezu ajüdische Orientierung in den Großgemeindestuben, die einen an Zynismus grenzenden Grad mitunter erreicht hat, hat lange Zeit auch auf dem Gebiete der „Wohlfahrt", das doch jeder Parteinahme entzogen sein sollte, keine Ausnahme erfahren. Auch die judische „Z'dakah" ist vielfach mechanisiert, von einer geist- und seelenlosen Bürokratie zum Stumpfsinn entstellt worden. So hoch auch