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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 475

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Die Großgemeinde
Date
1923-01-01
Page
475 (sequence 6)
Language
German
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Umschau: Geschichte 475 besoldeten Beamten gelegt ist, ist allzu groß, um durch eine nebenamtliche, noch so gut gemeinte Kontrolle vollends korrigiert werden zu können. Solange nicht von jüdischer Einstellung erfüllte Beamte von der Spitze bis zu den untersten Organen die Träger der Verwaltung sein werden, wird der Ungeist aus ihr nicht zu bannen sein. Trotz all dieser noch bis in die jüngste Zeit hineinragender Mängel ist ein allmählicher Wandel nicht zu verkennen. In den Großgemeinden macht sich immer stärker der Einfluß geltend, der aus dem nationalen Lager kommt. Dabei sind gewiß nicht immer die Wahlziffern, die Zahl der eroberten Sitze, die Abstimmung in Einzelfragen maßgebend. Entscheidender wiegt die ideelle Beeinflussung der Gemeinden, die tief bis in die Kreise der extremsten Vertreter der Assimilation reicht. Der Wille zum Verständnis, die Toleranz gegenüber den Minderheiten, die Absage an jene nur auf den Gemeindebezirk abgegrenzten Kirchtumspolitik, die unwillkürliche Notwendigkeit der Stellungnahme zu alijüdischen Problemen und anderes mehr sind sichtbare Zeichen dieser Wandlung. Schon der Umstand, daß die Vertreter der nationalen Richtung in den Großgemeinden weniger durch den kleinlichen Ehrgeiz einer Klique auf ihren Posten berufen wurden, sondern, in ihrer absoluten Unabhängigkeit von jeglicher Stellenjägerei, rücksichtslos ihren Standpunkt geltend machen können, verleiht ihrem Auftreten jugendlich frische Lebendigkeit, die gegenüber den in ausgetretenen Bahnen wandelnden Machthabern der Gemeinden fast revolutionierend wirken nuißte.^ Zögernd und mit Widerstreben hat man diesem neuen Geist ein Zugeständnis ftach dem andern machen müssen, und die, die heute noch sich liberal nennen, sind —; verglichen mit ihren Vätern oder auch mit ihrem eigenen Verhalten vor noch wenigen Jahren — ganz andere geworden. Man nehme irgend ein Gebiet des Gemeindelebens, und man wird den Unterschied ermessen können. Ob es sich nun um die großen organisatorischen und politischen Aufgaben des deutschen Judentums, ob es sich um die °stjudenfrage, ob es sich um das Erziehungs- Problem, um die soziale Fürsorge oder religiöse Dinge handelt, überall ist der Wandel aeuthch sichtbar. Die Notwendigkeit eines Judischen Zusammenschlusses, nicht nur zur Abwehr, sondern für die jüdischen Fragen schlechtweg, die Anerkennung der Ostjuden als gleichberechtigte Gemeindemitglieder, die Forderung der jüdischen Schule, die weitestgehende Mitwirkung auf kulturellem Gebiete, die soziale Fürsorge unter modernen sozialpolitischen Aspekten, und — last not least — eine Wandlung in dem Verhältnis zu den traditionellen Quellen des Judentums — all diese Forderungen sind heute beinahe zum Gemeingut geworden. Der deutliche Unterschied gegenüber der vorangegangenen Epoche liegt auf der Hand. Nicht Abstreifung der jüdischen Werte, sondern ihre Wiedergewinnung und ihr Ausbau lautet die Parole. Und es besteht die Hoffnung, daß diese manchmal noch langsam sich vollziehende Entwicklung nicht mehr abgebrochen werden kann, solange die dafür zunächst verantwortlichen Hüter, die Vertreter der nationalen Richtung in den Gemeindestuben, weiterhin in völliger Unabhängigkeit von persönlichen Ehrgeizeleien ihrer Mission sich bewußt bleiben. Josef Meisl GESCHICHTE Ein Judenstaatsplan aus den Jahren 1832 -1845 Vorbemerkung der Redaktion. Der auf den folgenden Seiten abgedruckte Briefwechsel zwischen dem Kaufmann Bernhard B e h r e n d sen. in Rodenberg einerseits und den Herrn Baron A. M. (nicht M. A.) von Rothschild in Frankfurt a. M., Dr. Gabriel Riesser in Hamburg und Rabbiner Dr. Ludwig Philippsohn in Magdeburg andererseits ist zum ersten Male am 8. Januar 1846 als „Außerordentliche Beilage" der Wochenschrift „Der Orient", 7. Jahrgang, Nr. 2, veröffentlicht worden. Die seit dem Jahre 1838 von dem bekannten Lexikographen Dr. Julius Fürst herausgegebene Zeitschrift ist als ein Organ der gemäßigten Reform Frankelscher Richtung anzusprechen, obwohl sie vor allem, „Berichten, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur" diente und es ablehnte, orthodox zu sein oder die Reform zu vertreten: denn „die Geschichte nimmt alle religiösen Elemente in ihren Schoß auf und sondert erst nach Jahren das Unhistonsche aus"1). Das jeder Nummer beigegebene „Literaturblatt" brachte Abhandlungen und i) „Unser Programm", Jahrg. 7, Nrl-

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