Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Christen über jüdische Volkstreue
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 469 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Meinung und Erörterung 469 gewicht. Diese Leute gleichen ein wenig den Chinesen, die noch den Zopf tragen, ihn aber unter ihrer Mütze zusammenrollen. Sie sind reif für Selbstverwaltung, aber sie sind zugleich wie eine Mannschaft, die in einem Hafen anlegt und es nicht für nötig hält, mitgebrachte Satzungen abzuändern, da sie bereit bleiben muß, ihre Reise fortzusetzen. Die Haltung dieser Mahner erscheint ganz typisch für das Denken vieler Ostjuden. Ist jenen Juden die Hoffnung auf Moskau an die Stelle einer anderen Hoffnung getreten? Rußland, das größer, heimatlicher, verheißender für die Vielen ist als Palästina, das heute Südsyrien genannt wird? Hat nicht dieses Palästina heute eine arabische Frage, einen Antisemitismus zwischen Semiten, der unlösbar erscheint? Was erwartet den proletarischen Einwanderer dort anders als Plage, Schulterstempel und Kriegsgefahr? Mit dem strategischen Zionismus Churchills, mit dem Prestige-Zionismus von Newyork, mit dem Politiker-Zionismus von San Remo wollen diese Mißtrauischen nichts zu tun haben, die Kluft ist auch hier zwischen Ost und West. Nur die unterirdische, überirdische Verbindung hält; und der mitteleuropäische Zionismus steht als eine schmale gerade Flamme zwischen den seitwärts strebenden Blättern und vollendet das Bild der Dreiheit hier. (Aus: Judentum und Christentum von Leonhard Ragaz. Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig) Ich kann dem Zionismus, soweit ich ihn kenne und verstehe, nur bedingungsweise zustimmen 1). Gewiß mag ich dem jü- *) Die folgenden Äußerungen über den Zionismus sind als eine Ablehnung dieser Bewegung oder doch als eine eher unfreundliche Stellung zu ihr verstanden, worden. Das ist aber durchaus ein Mißverständnis, wie schon mein Verhältnis zu Buber und Landauer beweist. Ich wünsche sehr entschieden, daß dem Judentum die Heimstätte in Palästina endgültig werde, aber ich wünsche ihm noch viel Größeres, das es doch nicht aus dem Auge verlieren darf. Sollte meine Warnung, die ihren Wert; wie Manches in diesem Vortrag Gesagte, darin haben mag, daß sie von außen kommt, unnotig sein, so freue ich mich darob. dischen Volk einen geographischen Mittelpunkt gönnen. Ich bin froh, daß ihm dieser nun verschafft worden ist. Es mag ihm gut tun, mag ihm zu einer Art Beruhigung dienen, gleichsam an einer Stelle und dazu an einer so geweihten, als Volk den Fuß fest auf den Boden dieser Erde stellen zu dürfen. Aber ich meine, das könne bloß den Sinn haben, daß es dem Judentum vermehrte Gelegenheit zur Besinnung auf seine letzte Bestimmung, sagen wir: auf den wahren Sinn Zions gibt. Sonst müßte ich für meine Person die Bewegung für eine Abirrung vom eigentlichen, gottgewollten Weg Israels halten, für eine Abirrung auch von Zion! Denn was bedeutet Zion im Sinne der Propheten? Sagen wir es noch einmal: Es bedeutet nicht Jerusalem und nicht den Tempel von Menschenhand gebaut, sondern es bedeutet die Einigung der Menschheit durch Gottes Willen und Ordnung. Dieses Zion liegt nicht in einem bestimmten Land, es ist ein geistiger Ort, es liegt über den Völkern. Es hat nicht einen nationalen Sinn, sondern bedeutet im Gegenteil die Überwindung aller nationalen Begrenztheiten durch den Gedanken der Einheit der Menschheit in Gott Diese Wahrheit zu vertreten, ist Israels Berufung. Es muß das Märtyrertum dieser Berufung auf sich nehmen. Dazu gehört wohl gerade, um dies noch einmal zu sagen, daß es nicht nur keinen eigenen Staat, sondern auch keinen besonderen Heimatboden im üblichen Sinne hat. Es gehört mitten unter die Völker hinein. Dort soll es das vertreten, was größer ist als alles Volkstum: die Menschheit, oder mit höherem Wort gesagt: die Gottesherrschaft über alle Welt Das Judentum ist seinem tiefsten Wesen nach kein Volk im gewöhnlichen Sinn, keine Nation, es ist eine Gemeinde, die Gemeinde des lebendigen Gottes, die den Keim bilden soll zu der einstigen großen Gemeinschaft aller Völker in dem lebendigen Gott und seinem Christus. Das Judentum fiele nach meiner Überzeugung von seinem tiefsten Sinn und seiner höchsten Berufung ab, wenn es eine andere Aufgabe suchte. Dieser Abfall — ich darf das vielleicht sagen — ist wohl in der Geschichte Israels dann und wann geschehen, wie er analoger Weise in der Geschichte des Christentums seine tragische Rolle spielt. Er ist da geschehen, wo Israel das, was ihm Gott für alle Völker gegeben, bloß für sich selbst nutzen, es zu seiner eigenen Erhöhung verwerten