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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 470

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Christen über jüdische Volkstreue
Date
1923-01-01
Page
470 (sequence 5)
Language
German
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470 Umschau: Gemeindeleben wollte, um sich im Stolz des auserwählten Volkes von den andern abzuschließen. Es ist das auserwählte Volk, aber nur in dem Sinne, daß es eine Mission für andere hat und daß diese Mission, wie jede dieser Art, besonders schwer ist und das gewaltigste Opfer fordert. Sobald es aber diese Mission selbstisch wenden, sie zu einer Art Nationalismus umgestalten wollte, verfiele es dem Fluch alles Egoismus, wie ihn jenes Wort ausdrückt; das aus dem Munde Jesu stammt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren." Gegen d i e s e Art reagiert der Antisemitismus aller Zeiten nicht ohne ein gewisses Recht, wenn auch in falscher Weise. Diese Art wird immer Israel selbst, wie der Welt, zum Verhängnis. Es ist Abfall von Gott zur Welt. Niemand hat gewaltiger dagegen gekämpft als Israels große Propheten, und es ist meine Überzeugung, daß gerade auch darin Jesus ihr Erfüller und Israels tiefster Sinn, Israels Erlösung ist, und das Kreuz das wahre Sinnbild Zions. Denn «Israels Berufung ist, sich für die Völker zu opfern, den Weg zu gehen, den jene Kapitel 52 und 53 des Jesajabuches zeigen. Dieses Zion soll es aufrichten auf Erden. Größe wird ihm dann nicht fehlen, aber es wird göttliche Größe, nicht Weltgröße sein; Herrschaft wird es damit erlangen, aber die Herrschaft Gottes, nicht eine Weltherrschaft. Und das ist nun eben in meinen Augen der tiefste Sinn der Judenfrage. Das Judentum lebt unter den Völkern und hat sein Recht als Träger einer gewaltigen Wahrheit, der Israelswahrheit vom kommenden Reich Gottes. Als Träger dieser Wahrheit soll es von uns betrachtet und geehrt werden. Das ist für uns andere die vorläufige Lösung der Judenfrage. Keine andere wird wirklich gelingen und es soll auch keine andere gelingen, bis die noch größere kommt, die wir gezeigt haben. Es ist die Lösung auch für das Judentum. Hier liegt seine Aufgabe. In ihr ausharrend, in ihr duldend, in sie sich vertiefend muß es sein Geschick erfüllen. Sein Leiden ist der Schlüssel zu tiefstem Erkennen, sein Dulden der Weg zur Höhe. Eins möchte ich ihm und möchte ich jedem Vertreter des Judentums besonders wünschen: einen rechten Stolz darauf, ein Jude zu sein, ein rechtes Ruhen darin. Denn das jüdische Volk, ich sage es noch einmal, ist das Mittelpunktsvolk der Geschichte, weitaus das größte der Völker. Daß dieser Stolz nicht Hochmut, dieses Ruhen nicht Starrheit sein darf, brauche ich nicht besonders zu sagen* Gerade dieser rechte Stolz, dieses Ruhen in sich selbst, wird ihm vielleicht die Freiheit geben, Sinn und Wesen des Judentums neu zu prüfen und auch dem Sinn und Wesen des Christentums seine Seele zu erschließen. Das ist nach meiner Auffassung die Tragik und die Verheißung, die in der sogenannten Judenfrage liegen. Die Frage besteht darin, daß dieses Volk unter uns in Leiden und Verkanntwerden, vielleicht auch manchmal in eigener Verkennung des Größten, was ihm gegeben ist, das Geheimnis Gottes für die Völkerwelt hütet; die Lösung darin daß, vielleicht wieder unter allerschwersten Kämpfen, dieses Geheimnis hervortritt als die Gottesherrschaft im Leben der Völker. GEMEINDELEBEN (Einleitende Bemerkungen) Die Großgemeinde Seit jeher hat es in der Geschichte des jüdischen Volkes Gemeinden gegeben, welche den Vorrang vor anderen Gemeinden behaupteten; aber das Verhältnis, das sich in Deutschland zwischen Großgemeinden und den übrigen Gemeinden ausgebildet hat, ist erst ein Produkt der letzten Dezennien. Die Großgemeinde stellt sich in gewissem Sinne als ein Spiegelbild der Großstadt dar, deren wirtschaftliche und geistige Physiognomie auf sie einen wesentlichen Einfluß ausübte. Wie diese von dem Dimensionalen beherrscht, erscheint die Großgemeinde unserem Auge als ein mechanischer Körper, ein Apparat großen Stils, aber ohne die Seele der alten Kehilla, ohne ihr beziehungsreiches Verhältnis zum Judentum. Um ihr Wesen zu erkennen, muß man' auf die mit der Assimilation und Emanzipation eng verknüpfte Entwicklung zurückgreifen. Es war ein Teil der jüdischen Groß-Bourgeoisie, der den Übergang von der alten Kehilla zur modernen Religionsgemeinde, auch einer Errungenschaft der französischen Revolution, vollzogen hatte. In erster Reihe, wenn auch keineswegs ausschließlich, wie Marx in seiner Abhandlung zur Judenfrage angenommen hat, machten wirtschaftliche Gründe die allmähliche Annäherung und schließlich vollkommene Anpassung dieses jüdischen Typus an die Kultur der Umgebung notwendig. Die jüdische Bourgeoisie befand sich geradezu in der Zwangs-

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