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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 468

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Christen über jüdische Volkstreue
Date
1923-01-01
Page
468 (sequence 3)
Language
German
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468 Umschau: Meinung und Erörterung Wir wollen an der Tatsache nicht vorübergehen, daß mitten in den internationalen Gespinsten, gerade in ihrer Mitte, die Bewegung des modernen Zionismus ihren Platz hat. Aus ihnen hat sie ihre Zwiespältigkeit und ihre Perspektive, ihre Not und ihre Notwendigkeit. Der zionistische Gedanke erwacht mit derselben Leidenschaft unter den vom Alb der ewigen Pogromgefahr bedrückten jüdischen Massen des europäischen Ostens, wie auch bei jenen Juden, die in Europas stillgebliebenen Provinzen wie einst ihre Väter bei den Fleischtöpfen von Mizraim gute und sichere Tage genießen. Vielleicht empfinden diese Gäste den Zionismus als die Lyrik ihrer Fremdheit, vielleicht als einen Überdruß ihrer Freundschaft zu den Dingen des G a 1 u t h und als heimliche Verachtung, vielleicht auch als einen Ruf, daß die Zeit gekommen sei, entliehene Macht in eigene Macht zu verwandeln. Wer die neuen Festländer aus den Wasserstrudeln emporsteigen sieht, der mag glauben, daß Jerusalem im Begriffe sei, sich zum geistigen Mittelpunkte des Weltjudentums zu erheben. Es scheint, als ob Rom diesen Vorgang erkenne, und als rüste es seine Waffen gegen jene andere geistlich-weltliche Macht von internationaler Ausbreitung, diese Macht, die sich anschickt, am Haupt eines jüdischen Vatikans und Kirchenstaates ihr Gesicht zu enthüllen. In der Tat, der Wille zu einer radikalen Änderung der jüdischen Position ist da. Niemals waren die Möglichkeiten größer, niemals seit zwei Jahrtausenden legten sich stürzende Großstaaten und Berechnungen neuer weltstaatlicher Machtausdehnung so zu Füßen einer kleinen, reißenden Bewegung, niemals folgten auf Gelegenheiten Verwirklichungen in so schritthafter Aufeinanderfolge wie in dieser Zeit des großen abendländischen Umbruchs. So erscheint die zionistische Bewegung, zusammengesetzt, wie sie ist, aus Ressentiment und aus urhaften und begeisternden Antrieben, durchaus als eine endzeitliche Bewegung im Bereich einer zum Abbruch drängenden Geschichtsepoche. Endzeitlich ist sie es erst recht im Sinne der Prophetie. Vielleicht ist die Bewegung im jetzigen Augenblick besonders stark durchsetzt mit rationalistischen und privilegistischen Elementen. Aber durch die Mischung in der Retorte blinkt dem Auge ein Göttliches entgegen; Banalitäten verbinden sich dem auf den Weg gerichteten Blick zu einem Wundergewebe. Es scheint wohl einen Augenblick, als sei die große jüdische Bewegung ein wenig rückläufig geworden, als hole sie aus, und als zerteile sich das Judentum, das lange wie ein Fluß in seichten Ebenen und vielen Armen dahinfloß, das sich dann plötzlich, wie von einer Felsenklammer gefaßt, klar, hinreißend, vertieft und gereinigt zu sammeln begann im Drang eines einheitlichen Gefühls, — als sei dieser Strom auf Geröll geraten und zerbreche aufs neue in kleinen richtungslosen Rinnsalen. Aber es unterliegt nur demselben Gesetz der Unruhe, der Unfriedlichkeit und der Unregierbarkeit, das heute alle Völker quält. Niemals vielleicht ist das Gesamtschicksal der Juden so gewichtig empfunden worden wie jetzt. Es ist überall das gleiche. Niemals war für die Unreinen der Unrat der Welt so verlockend, sich hineinzuwühlen und sich an ihm zu mästen, und für den Reinen war niemals die Luft der Erde so erstickend. Auch das Judentum hat die Balanz zweier Jahrtausende herzustellen. Es ist in diesen Jahrtausenden nur passiv, nur unglücklich, nur zäh gewesen. Kleines Volk, hat es sich an seiner Idee erhalten, es hat seine Idee tausendfach eingezäunt und unzugänglich gemacht, und es hat die Idee gerettet. Ich fragte vor kurzem einige jüdische Arbeiter: „Warum seid ihr keine Zionisten? Ihr seid Flüchtlinge aus dem Osten in den Westen, ihr seid entwurzelt. Kommt ihr, um Wurzel zu fassen, oder ist euch der Westen nur ein Umweg? Ich muß mich über euch wundern. Ihr müßt sehr stark sein, um es in unserer westlichen Europawelt, die euch anzieht, auszuhalten. Erwartet nichts Gutes." „Wir glauben nicht mehr an die zionistische Idee", war die Antwort, „wir haben schlechte Nachrichten aus Palästina. Wir wollen arbeiten, daß der Sozialismus komme, er wird die Menschen ändern, dann haben wir die Heimat. Wir wollen nichts als die Menschenrechte". „Warum geht ihr dann nicht in die großen Parteien? Was hat denn dann euer kleiner Klub für einen Zweck?". „Wir sind fremd hier mit unserer Sprache und unseren Gewohnheiten, wir wollen beisammen bleiben. Es ist nichts anderes möglich". Man kann es einen Augenblick als tragisch empfinden, daß die jüdischen Arbeiter fortfahren, in ihrem eigenen magischen Kreis zu leben. Vielleicht aber erhält nur dieser Kreis ihr Genossentum nach innen. Es ist, als stünden in diesem Kreise Wirklichkeit und Gedanklichkeit in einem unzerstörbaren Gleich-

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