Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Christen über jüdische Volkstreue
Date
1923-01-01
Page
467 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108302--6295-3108420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Umschau: Meinung und Erörterung 467 Setzungen hinnehmen. Eine solche Voraussetzung der Menschheit ist eben das, was wir heute Nationalismus nennen, und was einmal Volkstümlichkeit sein wird. Der Nationalismus von heute bedeutet Überhebung des einzelnen Volkstums, Mißachtung der andern, kurz einen Kollektiv- Egoismus. Aber so wenig ich den Einzelnen erziehen kann, indem ich ihm sein Selbstbewußtsein nehme, und so sehr ich gerade sein Selbstbewußtsein wecken muß zur sittlichen Persönlichkeit: nicht anders ist es mit dem Volkstum. Es steckt in den Kinderschuhen des Nationalismus; daraus wahre Volkstümlichkeit zu erziehen, ist die Aufgabe derer, die um die Erziehung der Menschheit bemüht sind. So mag auch der Zionismus als der Nationalismus der Juden seine Überheblichkeit des auserwählten Volkes haben: im Ganzen bedeutet er nichts, als daß auch das jüdische Volk mit in die Form der Entwicklung eingetreten ist, in der wir Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts zur Menschheit streben. Wäre kein Zionismus entstanden, so würde dies bedeutet haben, daß kein weckbares Selbstbewußtsein der Juden mehr bestand, daß sie kein Volk mehr waren, an der Entwicklung der Menschheit selbständigen Anteil zu nehmen. Der Zionismus ist in Rußland entstanden, also da, wo ziemlich die Hälfte aller Juden in Massen wohnte und wo ihnen das Staatsbürgerrecht noch verwehrt wurde. Im Westen, wo die Juden sich seit dem 19. Jahrhundert eingebürgert fühlten, hat es erst einer leidenschaftlichen Überredung bedurft, ihn zu wecken; und wenn der unabweisbare Zwang der Östlichen Judenfrage nicht so stark auch auf dem Westen gelegen hätte, der Zionismus wäre kaum so bedeutend geworden, wie er heute ist. Einmal bedeutete die moderne Zivilisation eine starke Gegenmacht des Nationalismus, ihre Eisenbahnen, Dampfer, Hotels, Varietes und Kinos waren so international, daß gerade den Juden als den Vorposten dieser internationalen Zivilisation der Rückfall in den Nationalismus fern liegen mußte; zum andern aber war ein erheblicher Bruchteil der westlichen Judenschaft eben dabei, im jeweiligen Volkstum ihrer Wohnschaft aufzugehen. Von beiden Lebensrichtungen mußte der Zionismus als Störung empfunden und bekämpft werden, was denn auch reichlich geschah. Uns Deutschen ist der Zionismus vielfach als Schreckgespenst an die Wand gemalt worden, gewissermaßen als eine Aktion jener Weisen von Zion. Selbstredend hat auch der Zionismus seine Romantik und Kinodramatik, wie das an sich gesunde und höchst notwendige Alldeutschtum seine Klopffechter und Machtnarren hatte. Eine Grundforderung an den geistigen Menschen ist, daß er sich Minderwertigkeiten fern hält, daß er die Dinge sieht, statt ihrer Mängel. „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre!" hat der deutsche Dichter gesagt, Im Zionismus ist die Ehre des Judentums; wer seine Jünglinge nach zweitausend Jahren mit dem Schwert in der Hand vor Zion stehen sieht, wer die"~volkstümliche Treue darin anerkennt, muß aus der Idee des eigenen Volkstums das ihrige bewundernd grüßen. Eine stärkere Offenbarung volkstümlicher Treue gibt es in der modernen Welt kaum als eben den Zionismus. (Aus: Rom oder Moskau von Alfons Paquet. Drei Masken Verlag, München) Was den Christen angeht, so ist er freimütig genug, zu sagen, daß ihm unter den Juden die Orthodoxen und die Zionisten die liebsten sind, daß sie ihn dem Judentum überhaupt verbinden. Ihn stört es nicht, ' daß zwischen diesen beiden Typen Gegensätze bis zur Unversöhnlichkeit bestehen, auch daß diese Typen keineswegs leicht zu umschreiben sind. Er übersieht nicht die inneren Ursachen dieser Gegensätze, findet aber an diesen beiden Typen das abwesend, oder doch ausgeglichen, was ihm den Juden in anderen Zusammenhängen nicht ^liebenswert erscheinen läßt. Hier ist Überzeugung und Frömmigkeit, begründet und verteidigt durch ein vorgedachtes und neu erworbenes Denken, durch Gescheutheit und Witz der Lebenden, durch ein eigentümliches Kriegertum für ein geistiges Reich. Die Kraft des zehntausendfach in seinen Interessen zerstreuten Volkes richtet sich auf in den mit dem Stern geschmückten Tempeln und in den neuen Versammlungen im Namen Zion. Bis zu diesen beiden Versammlungen dringen selbst die Herren des Goldes und des bedruckten Papieres nur als Dienende; nur hier ist Sicheres, solange alles andere fragwürdig ist 30*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.