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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 466

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Christen über jüdische Volkstreue
Date
1923-01-01
Page
466 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU MEINUNG UND ERÖRTERUNG Christen über jüdische Völkstreue i. Aus: „Der deutsche Gott" von Wilhelm Schäfer. Georg Müller Verlag, München 1923) Am einfachsten, klarsten und stärksten stehen natürlich die Juden da, die der Verheißung ihrer Väter gläubig bleiben. Ihnen ist es, daß sie ohne Vaterland unter Fremden wohnen müssen, ein Schicksal von schärfstem Wehe; aber es ist ein Schicksal und es heiligt, wie jedes Schicksal seinen Träger heiligt. Der gläubige Jude, wie er wahrhaft alttestamentarisch noch einmal an den Wassern Babylons sitzt, aber nicht um zu weinen, sondern seines Gottes auch in dieser Verbannung gewiß zu sein, wie er nicht hadert mit ihm, sondern mit Hiob gelernt hat, sich seinem ewigen Ratschluß demütig zu beugen: dieser gläubige Jude ist eine Ehrfürchtigkeit, die jedes menschliche Gefühl achten muß. Ihm sind die Christen, unter denen er lebt, natürlich Gojim, und ein Rattenkönig blutrünstiger Sagen hat sich an ihn gehängt. Seit dem Kaufmann von Venedig steht er da mit seinem Messer, dem Christen das Herz auszuschneiden. In jenen Gegenden unseres Vaterlandes, wo die Viehställe noch behext werden, schlachtet er angeblich Christenkinder, weil Wahn nur Wahn sehen kann. Die wir aus diesem Wahn gegangen sind, wollen auch den Haß daraus nicht mitnehmen. Mag der gläubige Jude uns Ungläubige nennen, wir können uns nur wünschen, ihm gleich zu sein in der Unbeugsamkeit unseres Glaubens. In vielem sein Gegenbild und dennoch seinesgleichen ist der Zionist, der als die moderne Konsequenz solcher Volkstreue nach und nach das Judentum durchsäuert hat. Es ist natürlich ausgeschlossen, daß die elf Millionen Juden, die es auf der Erde gibt, jemals zu einem beträchtlichen Teil nach Palästina zurückkehren könnten. Die Wiederaufrichtung von Zion kann kaum mehr als eine Geste sein; aber diese Geste will dem Juden wieder aufbauen, was ihm Titus zerstörte: die Zentrale. So ist der Zionismus die völkische Idee des Judentums, und also aus der Mitte dieses seltsamen Volkes ein Bekenntnis zum Nationalismus, das mit der Fiktion, als sei das Judentum nur eine Religionsgemeinschaft, aus der Judenschaft gründlich aufräumt. Es sind nun zwar nicht die schlechtesten Geister, die den Nationalismus überhaupt als das böse Ergebnis des 19. Jahrhunderts verdammen, weil sie die ruhige Weltbürgerschaft des 18. Jahrhunderts in Haß und Verhetzung hinschwinden sehen; ihnen muß auch der Zionismus der Juden lediglich ein Symptom der allgemeinen Erkrankung sein. Sie vergessen, daß der Nationalismus zunächst nichts anderes ist, als daß die Völker zum Selbstbewußtsein erwachen. Als das französische Volk sich zuerst aus der dynastischen Führung befreite, entfesselte es seine Instinkte, und die ganze abendländische Geschichte seitdem geht um diese Entfesselung. Sie mag ein Abstieg in der Form, in der Gesinnung und Gesittung gewesen sein: daß sie eine Notwendigkeit war, kann nur der leugnen, der am Sonnenkönigtum allein die Schauseite von Versailles sieht. Es gibt keine höhere Idee der menschlichen Ordnung, als die auf dem freien Mann aufgebaut ist; auch die feinste Form der Despotie kann sich gegen eine wahre Demokratie, wie sie z. B. in den Grundzügen der germanischen Frühe erscheint, auf die Dauer nicht behaupten. Die Aristokratie mochte international scheinen; die Demokratie muß national sein: einem Herzog von Toscana kann die Habsburger Erbschaft zufallen und er vermag in der Hofburg zu sitzen; aber kein Bürger von Toscana kann in den Dingen der Wiener Bürgerschaft entscheiden. Es gibt keine andere Menschheit, als die aus Völkern besteht; wer die gemeinsame Ordnung der Menschheit will, muß sich zuvor zur Einzelordnung der Völker bekennen; und diese Einzelordnung der Völker setzt ihre Befreiung, d. h. die Entfesselung ihrer Instinkte voraus, damit durch Selbstzucht selbstbewußte Einordnung werde. Wer Resultate haben will, muß auch ihre Voraus-

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