Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Apologetisches Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 463 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Apologetisches Denken 463 und das ohne diese Funktion an seiner eigenen Lebensunwahrscheinlichkeit klappernd zusammenbrechen müßte, hat Bäck veranlaßt, nicht zwar gegen Harnack, aber für sich und für uns das Judentum, wie es nicht als Folie für etwas anderes, sondern in sich selber, in seiner eigenen Rundheit und Fülle ist, zu schildern. Und nun ist das, was er, nicht mit der Leidenschaft des Entdeckers und Bekenners, sondern — zumal in der zweiten Auflage, in der das Buch erst zu seinem ganzen inneren und äußeren Gewicht sich ausgewachsen hat, — mit der tiefen ruhigen Liebe des im ganzen weiten Hause des Judentums heimischen vertrauten Knechts schildert, eben das, was Brod erschüttert hat: der Ursprung der Freiheit aus der Gnade, bäcksch gesprochen: des Gebots aus dem Geheimnis, das Diesseitswunder oder, wieder bäcksch gesprochen, die große Paradoxie. Sie schildert Brod in der starken wenigfigurigen Dramatik seines Bekenntnis- und Lebensbuchs; sie schildert Bäck in der unermüdlichen und nie ermüdenden Dialektik seines die Vielfalt des Stoffes auf engem Räume sammelnden Erkenntnis- und Wesensbuchs. Es wird Sache des Geschmacks bleiben, ob man den Inhalt lieber in der echt-ekstatischen Form des einen oder in der echt-klassischen des andern sich vermitteln läßt, — vielleicht auch eine Angelegenheit der eigenen Erkenntnisreife; im Leben der Erkenntnis ist ja die Zeit der Blüte sicher nicht wertloser als die Zeit der Frucht. Wie in dem was sie geben, so gleichen sich beide Bücher nun auch merkwürdig in ihren Schwächen. Das oben über die Behandlung des Christentums bei Brod Gesagte wäre fast wörtlich auch für Bäck zu wiederholen. Wenn es im „Wesen des Judentums" mit seiner nur beiläufigen Behandlung des Christentums nicht so deutlich hervortritt wie bei Brod, so um so mehr in der neueren Veröffentlichung „Romantische Religion", hier höchstens gemildert durch ejne gewisse methodische Bewußtheit, die sich das Problem absichtlich in einer bestimmten Abstraktion stellt, wodurch die Gefahr für den Leser freilich nicht geringer wird. Ebenso folgt aus der verwandten Grundkonstellation der beiden Bücher, daß beide vor dem Problem des Gesetzes versagen müssen. Wieder scheint mir zwar hier bei Bäck das höhere Bewußtsein des Problems zu walten. Aber so wenig wie Brod sieht Bäck, daß hier der kritische Punkt liegt, wo das von ihm erkannte Wesen des Judentums mehr Wesen des Judentums ist als Wesen des Judentums. Und wie Brod wird es ihm an diesem Punkt der aus dem Glauben kommenden Tat vielleicht geschehen, daß der christliche Leser ihm hier ganz unbedenklich folgt, während der jüdische stockt. Daß dabei, aber eben beiläufig und nicht mit zentralem Gewicht, von Bäck sehr feine Sachen über das Gesetz gesagt werden, mag ebenso vermerkt sein, wie daß der liberale Rabbiner, besonders in der zweiten Auflage, über jüdisches Volk und jüdische Geschichte Dinge von einem Tiefgang zu sagen hat, den das, was der zionistische Dichter dazu sagt, kaum je erreicht. Vielleicht zeigt die jüdische Gegenwart kein hoffnungsreicheres Symptom als diese Vertauschung der Rollen. IV. Weshalb ist eigentlich das Wort Apologetik mit einem so üblen Geruch behaftet? Es ist damit wohl ähnlich wie mit dem apologetischen Beruf par excellence, dem des Anwalts. Gegen ihn besteht auch weithin das Vorurteil, das im Lügen sozusagen seine legitime Aufgabe sieht. Es mag sein, daß eine gewisse Berufsroutine dieses Vorurteil zu rechtfertigen scheint. Aber trotzdem kann Verteidigen eine der edelsten menschlichen Beschäftigungen sein. Nämlich wenn es bis auf den Grund der Dinge und der Seelen geht und, auf die kleinen Mittel der Lüge verzichtend, mit der Wahrheit selbst, der ganzen Wahrheit nämlich, ent-schuldigt. In diesem großen Sinn kann auch literarische Apologetik verteidigen. Sie würde dann nichts beschönigen, noch weniger einen angreifbaren Punkt umgehen, sondern gerade die bedrohtesten Punkte zur Basis der Verteidigung machen; Mit einem Wort: sie würde das Ganze verteidigen, nicht