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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 464

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Apologetisches Denken
Date
1923-01-01
Page
464 (sequence 8)
Language
German
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464 Bemerkungen: Mythos der Gegenwart irgendwelche Einzelheiten. Sie wäre im gewöhnlichen Sinn gar kein Verteidigen, sondern ein offenes Darlegen, aber nicht irgend einer Sache, sondern des Eigenen. In welchem Grade die beiden besprochenen Bücher diesem hohen Begriff von Apologetik nahekommen, das geht wohl aus dem Gesagten hervor. Sie sind beide Antworten auf Angriffe. Vom Angriff her haben sie sich ihr Thema bestimmen lassen. Das Thema ist das eigene Wesen. Man könnte denken, daß es nun zur höchsten Bewußtheit käme. Aber eben der apologetische Charakter des Denkens verhindert das. Indem der Denker in sein Innerstes hineinschaut, sieht er zwar dies Innerste, aber deshalb noch lange nicht — sich selbst. Denn er selbst ist nicht sein Innerstes, sondern ebensosehr auch sein Äußerstes und vor allem das Band, das sein Innerstes an sein Äußerstes bindet, die Straße auf der beide wechselseitig miteinander verkehren. Er aber setzt sein Innerstes ohne weiteres mit seinem Selbst gleich und ahnt nicht, daß sein Innerstes, je mehr es innerst ist, jedes Menschen Innerstes ist. So spricht er, obwohl er sich selbst meint, vom Menschen, von allen. Und so bleibt sein Selbst, die Bindung der Elemente der Menschheit zu dem Gebinde, das er selber ist, ihm ein Geheimnis. Diese Schranke überschreitet apologetisches Denken nicht. Die letzte Kraft des Erkennens ist ihm versagt, wie das letzte Leiden des Erkennens ihm erspart bleibt. Denn letztes Erkennen verteidigt nicht mehr, letztes Erkennen richtet, Franz Rosenzweig. MYTHOS DER GEGENWART Wie traurig, daß die Erfahrungen der anderen keine wegweisende Kraft haben, daß jegliches Schicksal nicht nur vom Einzelnen, sondern von jedem Volke immer wieder neu durchlebt werden muß. Nicht fruchten Erfahrung und Beispiel, nicht schrecken einmal schon erkannte Fehler der anderen. Welche Fülle von mehr oder weniger billigem Spott, welche Kette witzgeschliffener Ironien trafen den deutschen Barden, den poetischen Panegyriker der Tugend seines Volkes. Wie konnten wir uns nicht genug tun in der Parodierung des von Kerr so glücklich benannten „Hifthornschauten", des Sängers der deutschen Treue, der Lieblichkeit deutscher Mädchen und der sanften Innigkeit deutschen Familienlebens. Und nun: so überlegene, kluge und disziplinierte Menschen, Künstler, durch, ihr Erlebnis aufgerührte Charaktere, Juden, die zweifellos jeden relativistischen und skeptischen Einwand sich schon vor allen anderen selbst gestellt haben, solche Männer können doch ein Buch in die Welt schicken wie das „Ostjüdische Antlitz"1). Ein Buch, das, zweifellos ganz ehrlich empfunden, zunächst auch mächtig packt, Wunschträume verwirklicht zeigt, um uns zum Schluß mit dem Gefühl leichter Beschämung, in einem gewissen peinlichen Schwebezustand zu entlassen. Im sicheren Bewußtsein, mit dem Folgenden überall auf entrüsteten Widerspruch zu stoßen, muß hier ein ganz klares „Nein" zu diesem Buche gesagt v/erden. Es geht nicht an, gerührt durch das Leiden des eigenen Volkes, alle menschlichen Tugenden auf dessen Haupt zu sammeln. Es geht nicht an, aus einer, vielleicht unterbewußten, apologetischen Einstellung heraus, so maßlos zu typisieren und nur Lichter zu setzen. Es geht vor allem nicht an, das Gefühl des momentanen Erlebens so als Rohstoff darzubieten, intellektuell und künstlerisch gleich distanzlos — und darum ungeformt. Tausend Einzelheiten, die uns im Feldpostbrief eines deutsch-jüdischen Soldaten ergreifen und Verwandtes berühren, dürfen hier nicht aneinandergereiht, normiert und katalogisiert werden, bis eine Hymne auf eine — gewiß — sonst verkannte Welt entsteht. Schmerz, Zorn und Empörung über alle Ungerechtigkeit, die dieser widerfuhr, dürfen nicht zu solcher Selbstverherrlichung führen. Denn es ist eine Selbst verherr- 1) v, Arnold Zweig, mit Zeichnungen v. Hermann Struck, Welt-Verlag, Berlin, I922-

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