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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 462

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Apologetisches Denken
Date
1923-01-01
Page
462 (sequence 6)
Language
German
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462 Bemerkungen: Apologetisches Denken ebenfalls beseligende, Einfärbung auch jenes blendend allfarbigen Lichts, das dem Menschengeschlecht aufging, zur Folge gehabt haben? Beim Christentum sieht Brod selber sehr scharf, wo der Punkt dieser Beschränkung liegt: in der Verengerung der unbegrenzten Möglichkeiten der göttlichen Gnade, sich ihren Weg zum Menschen zu suchen, auf den einen dogmatisch korrekten des Christuserlebnisses. Das ist sicher richtig; und darin, daß das Judentum eine solche Bindung der göttlichen Gnade — und sei es auch, wie es ja für den Christen ist: an ihre eigene größte Tat — nicht kennt und nicht kennen darf, liegt die größte Kraft des Judentums; hier durfte es den.Himmelswein, den es kelterte, seinen Kindern ungemischt in ursprünglichstem Feuer bewahren. Aber Brod ist entgangen, was ihm doch schon an seiner Geschichte von Simeon ben Jochai und der merkwürdigen „Einrichtung", die der schließlich trifft, hätte aufgehen können: wo für das Judentum dieser Punkt der Beschränkung liegt. Im Glauben dürfen wir unbedingt sein, den Weg des Wunders schreibt das Judentum Gott nicht vor; wohl aber dem Menschen den Weg seiner Tat; hier ist das Jüdentum nicht unbedingt, sondern eingeschränkt auf die eine Bedingung des Gesetzes. Daß der Kreis dieser Bedingung so ungeheuer weit geschlagen ist, daß er alle denkbaren Kreise der Welt und ihres Tuns zum wenigsten schneidet, das ändert daran, daß er eine Einengung des Tuns ist, so wenig, wie die ungeheure Tragweite des christlichen Christuserlebnisses, das möglicherweise alle menschlichen Erlebnisse berühren kann, etwas daran ändert, daß es eine Verengung des Glaubens ist. Und wirklich bleibt das, was Brod über das Gesetz zu sagen weiß, obwohl er ihm, schon aus der allgemeinen antiliberalistischen Zeitstimmung der heutigen Intellektuellengeneration, wohlwollend und empfänglich gegenübersteht, durchaus an der, nationalistisch bewegten, Oberfläche des Problems. Und so kommt es, daß sein Buch gerade da, wo es in die Tiefe steigt, einen Herzpunkt erreicht, an den die Titelfrage mit ihren Gegensätzen schon nicht mehr hinfolgen kann und wo das, was er im Namen seines, unseres Judentums spricht, nur noch im letzten Sinne wahr ist, in keinem vorletzten mehr. III. An einer Stelle seines Buches streicht Brod mit einer jener großzügigen Handbewegungen, die dem Bekenntnisbuch zugute gehalten werden dürfen, „die Humanitätsmittelmäßigkeiten eines Bäck und Lazarus" von seinem Tisch. Man spürt, wie er im Drang des Selberdenkens nicht die Ruhe gefunden hat, zu lesen, was vor ihm gedacht ist. Schon auf Lazarus trifft das harte Urteil — oder darf ich einmal für unsere, meine wie Brods, Generation sprechen: Vorurteil? — nicht zu; sein Buch ist, wie übrigens schon der heftige Angriff, den Hermann Cohen in seines Kantianismus Maienblüte dagegen gerichtet hat, zeigt, besser als sein hier also auch von Brod weitergetragener Ruf. Was aber vollends Bäck anbelangt, so möchte ich hier auf Brod — und wieder auch, in Erinnerung früheren Vorurteils, auf mich selber — hier das Goethesche Spottwort anwenden: Pereant, qui ante nos nostra dixerunt. Denn zwar in der äußeren wie inneren Form ist kaum ein größerer Gegensatz zu denken als zwischen Brods Bekenntnisbuch und Bäcks „Wesen des Judentums". Sieht man dort überall den Weg, der zum Ziel geführt hat, ja beruht der Reiz des Buchs nicht zum wenigsten darauf, daß es seinen Leser nötigt, diesen Weg mitzugehen, so sind hier die Gerüste fast spurlos abgebrochen und nur der fertige Bau bietet sich dem Blick. So steht es mit der Form. Im Inhalt hingegen gleichen sich die beiden Bücher so sehr, wie sich Bücher von so verschiedener Form nur gleichen können. Auch Bäcks Buch ist ja apologetisch veranlaßt. Die Rolle, die für Brod offenbar die christlichen Wendungen und Sendungen im Umgangs- und Freundeskreis gespielt haben, hat bezeichnenderweise für Bäck ein literarisches Ereignis übernommen: Harnacks. Wesen des Christentums. Dies Buch, das in der üblichen gelehrten Ahnungslosigkeit ein Judentum schildert, dessen einzige Existenzmöglichkeit darin besteht, daß es den finsteren Hintergrund für das christliche Licht bildet,

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