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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 461

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Apologetisches Denken
Date
1923-01-01
Page
461 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen: Apologetisches Denken 461 die Schilderung des Christentums leidet, eben weil sie dem Herzen des Buchs nahe liegt, schwer unter jener Methode des „unbilligen Idealisierens", bei dem er den Schulmeistern und Theologieprofessoren lieber glaubt als den Heiligen und Rittern. Es ist sehr bezeichnend, daß die beiden lebendigen, nicht katechismusentsprungenen Christen, die in sein Buch Einlaß gefunden haben, weil sie dem Autor zu nahe standen, um draußen bleiben zu können, Dante und Kierkegaard, nicht als Christen behandelt werden, sondern, so komisch das klingen mag, als ins Christentum versprengte — Juden. Hätte er doch auch hier lieber seinem Erlebnis getraut als der Theorie, auch wenn sie seine eigene war. Denn daß er im Kernteil des Buches das tut, das ist seine Stärke. Das Buch ist im guten Sinne, was sein Untertitel sagt: ein Bekenntnisbuch. Es beschwert den Leser nicht mit den Privatangelegenheiten des Verfassers, wie man nach jenem Untertitel wohl fürchten könnte, sondern es erzählt den Lebensweg einer Erkenntnis; und weil dieser Lebensweg zugleich, der Lebensweg einer Generation war, so ist auch sein erreichtes Ziel .von überprivater Bedeutung. Brod hat sich in seiner Weise durch den Nebel der Theorien zur Wirklichkeit des historischen Judentums durchgearbeitet. Das ist ihm gelungen, weil er sich auf diesem Weg nicht hat leiten lassen von der theoretischen Frage nach dem richtigen Judentum, sondern vorwärtsgetrieben wurde von der praktischen Frage nach dem rechten Leben. Dies Buch beantwortet mit dem Wesen des Judentums die Frage nach dem Wesen des Kriegs. Es ist ein gutes theologisches Buch geworden, weil es — o sonderbarste, leichteste und schwerste aller Wissenschaften! — kein theologisches Buch ist, sondern seinem Ursprung und seiner Anlage nach ein Kriegsbuch. Und es ist ein schlechtes theologisches Buch geworden, als es dann schließlich doch ein theologisches Buch werden wollte, und in dem Maße als es das werden wollte. Mit herrlichem Schwung bricht sich der bedanke des Buchs von den am Krieg (und doch wohl auch schon am Vorkrieg) ganz Persönlich, ganz unschulgemäß entdeckten Begriffen des „edeln" und „unedlen Unglücks" über die hohen Aussichtspunkte der „Unvereinbarkeit des Zusammengehörigen" und des „Diesseitswunders" eine Bahn mitten in die Agada. Die Begriffe, mit denen die Religionslehrerweisheit des verflossenen Jahrhunderts diesen Stoff auf ihr Niveau herabgezogen hatte, bleiben unbenützt zur Seite liegen; das versteht sich von selbst; eben gegen jene Begriffe, die in der törichten Meinung, das Judentum dadurch „zeitgemäßer" zu machen, es zu einer Mumie ausgedörrt hatten, geht ja die innere Apologetik des Buchs. Aber ganz neu ist die Intensität, mit der das Agadische hier durchforscht wird. Es sind nur ganz wenige Talmudstellen, die Brod behandelt; aber diese Stellen werden mit einem* methodischen Ernst auf ihren Gehalt abgefragt, der dem Talmudleser alten Schlags gegenüber „bloß Agadischem" ganz fremd, ja eigentlich unverständlich ist. Der Amhaarez Brod wird hier in aller Bescheidenheit zum Erschließer einer neuen Methode auf dem uralten Gebiet der talmudischen Studien. Punkte, die bisher nur der Prediger, in neuerer Zeit allenfalls noch der Historiker eingehender Aufmerksamkeit für wert gehalten hatte, werden nun in ihrem Inhalt ganz ernst, fast möchte man sagen: halachisch ernst, genommen. Vor den Augen eines in neuer Gesinnung zum alten Buch heimkehrenden Geschlechts liegt nun eben doch nicht einfach das alte Buch, sondern auch ein neugewordenes, verjüngtes. Hier zeigt sich die Kraft des apologetischen Denkens, die zuwegebringt, was das naive nie gekonnt hätte. Aber eben hier wird nun auch die Gefahr wirksam. Wie Brod die Dinge, die ihn über die Lebensnöte seines Denkens hinausheben, im Judentum entdeckt, da ist er gleich, allzugleich bereit, in ihnen das „spezifisch Jüdische" zu entdecken, und legt sich nicht die Frage vor, ob nicht das Heilmittel, das er für seine menschliche Not entdeckte, ebenso — menschlich ist wie die Not, und das Judentum nur an ihm teil hat kraft seiner Anteilnahme am — Menschlichen. Wird die, freilich notwendige und beseligende, Einschränkung des Menschlichen auf das Unsere und des Allgemeinen auf das Eigene nicht viel eher eine, gewiß ebenfalls notwendige und

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