Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Apologetisches Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Bemerkungen: Apologetisches Denken Wirklichkeit. Ich möchte meinen, daß diese Gefahr zu denen gehört, die, eben weil sehr naheliegend, leicht vermieden werden können. Ganz im Gegenteil scheint mir die Gefahr aller Apologetik viel eher darin zu liegen, daß man das Eigene, das man ja selber kennt, in seiner vollen Wirklichkeitsbreite und -tiefe nimmt, das Fremde aber, von dem man eben doch nur ,,Kenntnis genommen*' hat, großenteils nur wie es im Buche steht, also grade zu — ideal. Denn jeder wirkliche Menschenkenner weiß, daß Selbstaussagen nur mit viel Vorsicht als Quellen zu verwerten sind. Und zwar gar nicht etwa, weil sie wegen natürlicher Voreingenommenheit im allgemeinen ein zu günstiges Bild erwecken würden, sondern gerade umgekehrt, weil sie zu theoretisch, zu absolut, zu knöchern auszufallen pflegen und die Korrektur der Theorie durch die Praxis, die Fleischhülle ums Skelett entbehren. Der bekannte Ausspruch eines, der es wissen mußte: „gebt mir von jemandem zwei geschriebene Worte, und ich bringe ihn an den Galgen" — hat auch für geistige Bewegungen Gültigkeit. Was für ein tragikomisches Zerrbild des Judentums herauskommt, wenn man, scheinbar ganz objektiv, Zitat an Zitat reiht, wissen wir alle; dabei macht es im Effekt kaum etwas aus, ob die Zusammenstellungen von jüdischer oder judenfeindlicher Seite vorgenommen sind; im Gegenteil, was Eisenmenger und seine Vorgänger an „feurigen Satansgeschossen" aus dem Arsenal des Talmud beibringen, könnte einen wahrhaftig eher an das Buch heranlocken als manche neuere Sammlung vorsichtig abgefilterter „Lichtstrahlen". Das hängt nun hier gewiß mit der im ersten Teil dieser Bemerkungen besprochenen eigentümlichen Selbstbewußtseinslosigkeit des Judentums zusammen; es ist eigentlich unmöglich, eine Stelle aus dem Talmud einem verständlich zu machen, der sie nicht schon versteht; man müßte sozusagen jedesmal einen ganzen Bilderatlas jüdischer Geschichte, jüdischer Gesichter, jüdischen Lebens dazu aufschlagen können, den es doch natürlich nicht geben kann. Aber auch dem doch soviel mehr auf Selbstbewußtsein hingewiesenen und hindrängenden Christentum kann man kein größeres Unrecht antun, als wenn man es nach seinen eigenen Katechismen darstellt. Es ist die erste Pflicht der theoretischen Nächstenliebe (die unter uns nun einmal auf gegenseitiges Begucken und Beurteilen eingestellten Geschöpfen nicht weniger wichtig ist als die praktische — denn falsch Gesehenwerden tut nicht weniger weh als falsch Behandeltwerden), daß wir bei jeder Meinung, die wir über einen andern bilden, niemals vergessen uns zu fragen: kann der andre, wenn er so ist, wie ich ihn hier abmale, denn noch — leben? Denn das will und soll er doch — „wie ich". Nicht lebensfähig wären diese humor- und seelenlosen Gesetzesmaschinen, die sich der Christ so gern unter den „Pharisäern" vorstellt; ebensowenig aber auch jene blassen Himmelslilien, die der Jude auf Grund der Lektüre der Bergpredigt als die einzigen „wahren Christen" gelten lassen möchte. Will man einen Geist verstehen, so darf man durchaus nicht von dem zugehörigen Leib abstrahieren. So wenig der Leib eine Verfallserscheinung des Geistes ist, so wenig ist das, was im geschichtlichen Bild einer Gemeinschaft zu ihren klassischen Urkunden nicht stimmt, ohne weiteres als Verfall, als „Amalgam" zu beurteilen; vielleicht ist es ganz im Gegenteil die notwendige und in einem gewissen Sinn sogar schon ursprünglich „gewollte" Korrektur an jenen Ursprüngen. Zurücksehnen mag sich der Erwachsene sein Leben lang nach der Reinheit des Kindes; aber er ist deswegen noch lange keine bloße Verfallserscheinung des Kindes. Gerade umgekehrt wird man vielleicht sogar die Züge des Kindes in ihrer ganzen Bedeutung erst erkennen, wenn man sie rückschauend vom bekannten Gesicht des Mannes her zu ergründen sucht. Eben hier liegt die Schwäche von Brods Buch, Eine wirkliche, weil eine unnötige Schwäche, keine von denen, die nur der Schatten einer Stärke sind. Daß er auch das „Heidentum" ungebührlich schematisiert, macht demgegenüber wenig aus; denn das Heidentum fällt trotz des dreigliedrigen Titels und des dreigliedrig konstruierten Grundgedankens nicht in den vom Blutstrom des Erlebnisses durchpulsten Kern des Buchs. Aber