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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 459

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Apologetisches Denken
Date
1923-01-01
Page
459 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Apologetisches Denken 459 des Maimonides, der „Führer der Verirrten", sondern sein „großer Chibbur", wie er selber sein halachisches Riesenwerk bezeichnet, das wirklich ebenfalls das ganze Universum auffängt, aber in dem Sieb des jüdischen Gesetzes. Hier ist in andrer Weise die gleiche unmittelbare Totalität wie der Absicht nach dort, der gleiche Wille, den Herzpunkt des eigenen religiösen Lebens zum Mittelpunkt eines geistigen Kosmos zu machen; mit Recht hat man, von anderen Überlegungen aus als sie hier angestellt sind, jenes „mein großer Chibbur" in Maimonides, Mund mit „meine Summa" interpretiert. Der Führer der Verirrten aber würde den enttäuschen, der in der Erwartung, ein System zu finden, an ihn heranträte. Wie er mit einer langen, das ganze Material ausbreitenden Abhandlung über das Problem des biblischen Anthropomorphismus beginnt, so ist es auch weiterhin der apologetische Faden, an dem die einzelnen Abhandlungen, die das Werk zusammensetzen, aufgereiht sind. Die Verteidigung geht gegen die Angriffe der Philosophie, nicht oder nur beiläufig gegen die anderen Religionen, von denen sie deshalb teilweise hat übernommen werden können. Die apologetische Grundhaltung gibt dem Werk den ganz unpedantischen Zug, der noch heut den Leser frisch anweht und ihn in keinerWeise„scholastisch" anmutet; dies Denken hat, was systematisches Denken so leicht nicht haben kann: den Reiz — und die Wahrhaftigkeit — des Gelegenheitsdenkens; aber es ist ihm darum auch die Schranke gezogen, die nur systematisches Denken niederlegt: eben wiederum die Schranke der Gelegenheit; nur systematisches Denken bestimmt sich selber den Kreis seiner Gegenstände; apologetisches bleibt abhängig von der Veranlassung, vom Gegner. Und in diesem Sinn bleibt jüdisches Denken apologetisches Denken. Es ist bezeichnend, daß es hier nicht zu der Erscheinung kommt, in der sich die Selbständigkeit des Denkens innerhalb der Kultur regelmäßig zu manifestieren pflegt, 2um Kampf der Schulen innerhalb des gemeinsamen Denkens. Dem nominalistischrealistischen Streit entspricht bei uns der Maimonidesstreit mit seinen Vor- und Nachwehen und mit seinen eigenen durch ein Jahrhundert getrennten beiden Etappen, — also nicht der Kampf innerhalb des Denkens, sondern der Kulturkampf um das Denken selber, der Kampf zwischen denen, die auf den Ruf der Gelegenheit hörten, und denen, die sich ihm versagten. Es ist auch im neunzehnten Jahrhundert, als nach fast vierhundertjähriger Brache wieder — in Deutschland seit den zwanziger Jahren — eine bis heute nicht entsprechend dem Rang ihrer Leistungen gewürdigte jüdische Philosophie entstand, nicht anders geworden. Alle Scheu vor Apologetik hat nicht verhindern können, daß die legitime Methode des Denkens selber hier die apologetische blieb. Zum jüdischen Denker wurde man nicht im ungestörten Kreise des Judentums. Hier wurde.(das Denken nicht zum Denken über das Judentum, das eben das Allerselbstverständlichste, mehr ein Sein als ein „tum", war, sondern zum Denken im Judentum, zum Lernen; also letzthin nicht zum fundamentalen, sondern zum ornamentalen Denken. Wer über das Judentum nachdenken sollte, der mußte irgendwie, wenn nicht seelisch, dann doch mindestens geistig, an die Grenze des Judentums gerissen sein. So aber war sein Denken dann bestimmt von der Macht, die ihn an die Grenze geführt hatte, und der Tiefenhorizont seines Blicks von dem Grade, in welchem er bis vor, an oder über die Grenze getragen war. Das Apologetische ist die legitime Kraft dieses Denkens, aber auch seine Gefahr. Zwei bedeutende Werke aus neuerer Zeit sollen im folgenden unter diesem Doppelgesichtspunkt betrachtet werden. II. Gustav Landauer hat in dieser Zeitschrift auf die Veröffentlichung der Keimzelle von Brods Bekenntnisbuch mit einer von verletztem Gerechtigkeitsgefühl bewegten Erwiderung reagiert: das sei wieder die Art, das Eigene in seiner Idealität aufzufassen und das Fremde in der ganzen Breite seiner geschichtlichen und geschichtlich befleckten

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