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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 458

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Apologetisches Denken
Date
1923-01-01
Page
458 (sequence 2)
Language
German
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45« Bemerkungen: Apologetisches Denken der Punkt, wo das talmudische Schrifttum in die Diskussionen eintritt, auf welche spätere Versuche, die jüdischen Dogmen festzustellen, zurückgehen mußten, ist in diesem Sinn merkwürdig. Im Zusammenhang der Bestimmungen über Strafprozeß und Strafrecht tritt auch das Problem der jenseitigen Strafe auf; und hier werden die Dinge aufgezählt, deren Leugnung den Juden seines „Anteils an der zukünftigen Welt" verlustig gehen läßt. Hier konnten Maimonides und andere anknüpfen. Es ist also ein gesetzlicher Zusammenhang, in dem die Probleme der religiösen Metaphysik auftreten. Merkwürdig genug, wenn man an die vielberufene und für die Gegenwart ja auch sicher festzustellende metaphysische Neigung unsres Stammes denkt. Noch merkwürdiger wird die Sache, wenn man sich den Inhalt dieser Dogmen ansieht. Von Gott, von dem offenbarten Gesetz, von der messianischen Erlösung und von dem, was damit zusammenhängt, wird gehandelt: es fehlt der Gedanke, der das Judentum ganz durchdringt, der allein das Gesetz verständlich machen und allein die Erhaltung des jüdischen Volks erklären kann, der Gedanke der Auserwähltheit Israels. Dieser wahre Zentralgedanke des Judentums, den etwa ein christlicher Forscher, von der Christologie herkommend, an erster oder wenigstens unmittelbar nach der Lehre von Gott an zweiter Stelle in einer jüdischen Dogmatik zu finden erwarten würde, kommt z. B. in den Dreizehn Glaubenssätzen des Maimonides, aber auch in seinem philosophischen Werk, das doch ein Führer für die an den Grundwahrheiten des Judentums Irregewordenen sein sollte, überhaupt nicht vor. Voraussetzung des Denkens wie des Lebens ist er auch hier, wie überall; ausgesprochen wird er nicht; er ist selbstverständlich. Wohl sind Gebet und Gedicht unermüdlich, ihn wieder und wieder in Worte zu kleiden; wohl spiegelt die schriftdeutende Legende ihn in tausend Facetten; wohl senkt sich die Mystik tief in ihn hinein, bis zur mythologischen Hypostasierung: er wird Wort, Sinn, Gestalt, nur nicht dogmatische Formel, nicht — mit der einen großen, doch eben von all jenen andern Kräften mitgenährten, Ausnahme des JehudaHalevischen Kusari — Philosophem. Das Dasein ist von ihm erfüllt und getragen, alle unmittelbare Äußerung des Daseins ist von ihm bewegt, — aber wenn das Bewußtsein sich über das bloße Dasein hinauszuschwingen sucht, verleugnet es ihn. Das hat tiefe Gründe und weitreichende Folgen. Eine geistige Gemeinschaft entzieht ihr innerstes Wesen hier der geistigen Belichtung. Das heißt doch: sie will nicht nur geistige Gemeinschaft sein, sondern sie will sein, was sie ja tatsächlich im Gegensatz zu andern, nur geistverbundenen Gemeinschaften ist: eine natürliche Gemeinschaft, ein Volk. Die ungeheure Wirklichkeit des jüdischen Seins hat sich hier einen Selbstschutz geschaffen. Was hier aber schützend, wirklichkeiterhaltend wirkt, die Abdrängung des Bewußtseins von der geheimen Quelle des Lebens, das hätte in einer ihrem Wesen nach rein geistigen Gemeinschaft wie z. B. in der christlichen Kirche leben erstarrend wirken müssen. Hier wird gerade das immer erneute Insbewußtseinheben der Grundlage des Daseins, in diesem Fall also die immer wiederholte Neuformulierung des christologischen Dogmas, zur inneren Bedingung für den äußeren Fortbestand der Gemeinschaft. Unzugängliches Geheimnis steht da gegen unerschöpfliches, Substanzialität gegen Spiritualität. Das wirkt nun aber auch auf die Richtung und Reichweite des wissenschaftlichen Denkens überhaupt. Nicht bloß hat die jüdische Patristik keinen Augustin hervorgebracht, keinen Denker, der in körperhafter Vision für die Geschichte des kommenden Weltjahrtausends den Schauplatz absteckte, statt seiner aber die gewaltigen Schwimmer durch das „Meer des Talmud"; sondern auch die jüdische Scholastik keinen Thomas. Der Summa des Aquinaten, diesem mächtigen System einer christlichen Gesamtwissenschaft, dessen große echtsystematische Intention freilich den Zeitgeburtsfehler der apologetisch-dialektischen Methode der Scholastik nicht überwinden und sich deshalb nicht verwirklichen konnte, entspricht auf unserer Seite nicht das philosophische Werk

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