Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Voraussetzung und Grenzen wirtschaftspolitischer Kritik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 456 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108299--6279-3108409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
456 Bemerkungen: Voraussetzung und Grenzen wirtschaftspolitischer Kritik Beurteiler stets nur ein Teilausschnitt zugänglich, sei es ein Land der Diaspora, sei es Palästina, und gerade dieses leider nur in sehr seltenen Fällen. Nun wird zwar sehr reichlich Material angeboten, das einem die Kenntnis der jüdischen ökonomischen Position im europäischen Osten oder inPalästina vermitteln soll. Aber genügen statistischeZif fern aller Art, Handelsregisterauszüge,Marktberichte,Aktienprospekte, Gesellschaftsstatute denn wirklich, um daraus den Sachverhalt feststellen zu können, dessen Kritik das Wesen jener ökonomischen Position erschöpfen und anregend auf ihre weitere Entwicklung einwirken soll? Wer die Wirtschaftenden selbst nicht kennt, der kennt auch ihre Wirtschaft nicht. Nicht das Geschaffene, das sich in Ziffern darstellt, ist Quelle der Erkenntnis, sondern das Schaffen, unmittelbar gesehen. Man muß einfach „mitten drin'* sein in den Dingen. Ist man es nicht räumlich, dann wird man versuchen müssen, ob man es geistig sein kann. Dieser Versuch, ohne dessen Erfolg eine ernsthafte, wertvolle Kritik speziell palästinensischer Wirtschaftsweisen unmöglich ist, stellt hohe Anforderungen an das Einfühlungsvermögen des Kritikers. Aus nüchternem Ziffernwerk und trockenen Geschäftsberichten nicht minder als aus ganz persönlichen Erlebnisschilderungen anderer muß in ihm das lebendige Bild der Menschen, der Verhältnisse, der Entwicklungen entstehen, das nunmehr der Kritik unterworfen werden soll. Schon die Konstruktion dieses Bildes, des zu beurteilenden Sachverhaltes, schließt ein bedeutsames kritisches Moment in sich ein: denn aus vielerlei Berichten, Stimmungsäußerungen, statistischen Tatsachen wird hier eine ganz bestimmte Auslese bei sehr verschiedener Abwägung der einzelnen Dinge getroffen. So manche Erscheinung, die der eine Kritiker fast übersieht, stellt der andere in den Vordergrund seines Bildes, so daß im Grunde dieser einen ganz anderen Sachverhalt des palästinensischen Wirtschaftslebens vor Augen hat, wenn er sein kritisches Studium beginnt, als jener. Und eine gleichartige Subjektivität in der Reproduktion des nur durch Hörensagen bekannten Sachverhaltes, eine nicht minder persönlich gefärbte Entscheidung der Tatfrage zeigt sich auch bei den Kritikern der jüdischen Wirtschaf tszustände in Osteuropa. Da nun Grundlage und Voraussetzung aller brauchbaren Wirtschaftskritik ein einwandfrei ermittelter Sachverhalt ist, so bedarf es immerhin einiger Bemerkungen darüber, wie jene „Vorprüfung" und Auslese der einzelnen Bestandteile des festzustellenden Sachverhaltes aus dem Dunkel subjektiver Empfindungen heraus in das klare Licht methodischen Vorgehens zu rücken ist. Methode ist hier nun aber keineswegs identisch mit sogenannter „exakter Wirtschaftsforschung". Wer nur aus Zahlenreihen, die lediglich die materiellen Bedingtheiten und Effekte des ökonomischen Handelns erkennen lassen, den wahren Sachverhalt ausschöpfen will, handelt nicht minder subjektiv und einseitig als der nur Stimmungsreflexen Zugängliche. Man muß es heute einmal aussprechen: Wir haben sehr viel Zahlenwerk und äußerst wenig brauchbare Schilderungen, die zudem bei dem sehr schnellen Gange der Entwicklung recht bald veralten. Dies ist umso herber zu empfinden, als der jüdische Aufbau in Palästina vor allem ein wirtschaftspsychologisches Interesse hat. Keine Statistik vermag uns z.B. in betreff der Anpassung und Leistungsfähigkeit von Juden der verschiedensten geographischen Herkunft und Berufsvorbildung an bestimmte primitive Tätigkeiten jenen lebhaften Eindruck zu geben wie eine Schilderung Holitschers — und Holitscher war doch vor mehr als zwei Jahren in Palästina; seitdem aber hat sich vieles geändert. Zu allen Zahlen, sei ihre Gewinnung noch so sorgfältig erfolgt, gehört mehr als ein rein formales Räsonnement, gehört der unabhängige Bericht des Reisenden, wie der eines Ludwig August Frankl, der uns auch heute noc,h das Palästina vor nun fast siebzig Jahren in farbiger Lebensfrische schauen läßt. Kenntnis der Natur des Landes, die uns eine wichtige statistische Ziffer, wie etwa eine Zunahme der Arbeitslosigkeit, sehr einfach aus dem Eintritt der Regenzeit erklärt, Kenntnis der Menschen und ihrer Motive, Kenntnis der gegenwärtigen sozialen und ökonomischen Struktur gibt erst dem Urteilenden die Be-