Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Voraussetzung und Grenzen wirtschaftspolitischer Kritik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 455 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN V ORAUSSETZUNGUND GRENZEN WIRTSCHAFTSPOLITISCHER KRITIK Buchstabenwissen, gemessen an Buchstabenwissen, ergibt nichts von Bestand; verführt den, der zu wissen glaubt, zu unerträglichem Hochmut, zur Überhebung gegenüber den wirklich Erlebenden, wirklich Schaffenden. Voraussetzung aller wertvollen Erkenntnis, aller fruchtbaren Kritik ist die unmittelbare Empfindung lebendiger Gegenwart der Dinge, sei es dank geistiger, sei es dank leiblicher Wahrnehmung. Es ist eine schwere Bürde, den Menschen eine bestimmte Meinung, die sie oft ungeprüft wie eine sichere Wahrheit hinnehmen und ihrem Tun zugrunde legen werden, verkünden zu müssen und sich dabei dessen peinlich bewußt zu sein, wie hilflos man im Grunde selbst den Tatsachen gegenüber steht, die man kaum in ihren Umrissen, geschweige denn in ihrem Ursprung und in ihren Konsequenzen zu erfassen vermag. Schwieriger noch als dem Historiker, dem Kritiker der Vergangenheit, ist die Aufgabe dem Publizisten als Kritiker der Gegenwart gestellt. Nicht nur spricht hier der Umstand mit, daß jegliches ernst zu nehmende publizistische Urteil mittelbar oder unmittelbar auf die allgemeine Willensrichtung und somit auf den weiteren Verlauf der Dinge einwirkt — ein Ausblick, der den Publizisten zu besonderer Vorsicht ermahnen muß — sondern es zeigt sich auch das nicht leicht zu lösende Problem, aus vielfältigem Erleben unverzüglich den zur Beurteilung erforderlichen und geeigneten Sachverhalt zu gewinnen. Nur insoweit ein solcher Sachverhalt zu bestimmen ist, erscheint eine Kritik überhaupt möglich, und mit dem Umfang dieses erkannten Sachverhaltes sind auch die Grenzen der Kritik gegeben. Was außerhalb dessen, außerhalb des Bereiches bewußter Wahrnehmung durch den Betrachter bleibt, ist der Kritik entzogen. Soll der Kritiker einesteils bemüht sein, den Umkreis seiner Wahrnehmung durch verstärkte Aufmerksamkeit und regere Empfänglichkeit auszudehnen, so muß er sich andernteils damit bescheiden, daß nur ein begrenzter Ausschnitt des Geschehens seiner Nachprüfung zugänglich ist, und er wird diese Tatsache, die Wirksamkeit unbekannter, namentlich psychischer Faktoren bei der Entstehung der bekannten Sachverhalte, in seinem Urteil entsprechend in Würdigung ziehen. Solche Selbstbescheidung erhöht den Wert des ausgesprochenen Urteils, vor allem dadurch, daß sie andere anregt, durch eigenes Betrachten und Denken die vom Kritiker freigelassenen Lücken selbsttätig zu ergänzen. Was hier dargelegt wurde, will insbesondere auf die wirtschaftspolitische Zeitkritik und ganz speziell auf die Bewertung der jüdischen Aufbaubestrebungen in der Diaspora und in Palästina bezogen sein. Kritik ist nur möglich, wo Wahrnehmung stattfinden, wo ein Bild aus eigener Anschauung gewonnen werden kann. Das ist auf dem hier zu erörternden Gebiet ungeheuer schwer. Bereits die Wirtschaftspolitik eines Staatsvolkes, das wohl organisiert auf einem umgrenzten Territorium lebt, ist für den Beurteiler, selbst wenn er mitten in den Dingen steht, gemäß ihrer enormen Vielgestaltigkeit kaum als Gesamteindruck, oft nur in Teilbildern zu erfassen, so daß beispielsweise sogar die deutsche Wirtschaftslage bei aller Fülle des hier vorhandenen Materials aus Anschauung, Statistik und Beschreibung sich im Urteil ihrer einzelnen, selbst der durchaus sachlich orientierten Kritiker sehr verschieden präsentiert. Die jüdische Wirtschaftspolitik nun gar hat damit zu rechnen, daß der Sachverhalt in der Regel der persönlichen Anschauung des Kritikers nicht zugänglich ist. Betrachtet man die wirtschaftliche Situation des jüdischen Volkes trotz seiner räumlichen Zersplitterung doch als ein Ganzes — was sie ja auch im organischen Sinne ist, da beständig ein Ausgleich der Kräfte zwischen den drei großen Zentren Ost- und Mitteleuropa, Amerika und Palästina nach Art eines Spannungsgefälles sich zu vollziehen strebt — so ist dem