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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 457

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Voraussetzung und Grenzen wirtschaftspolitischer Kritik
Date
1923-01-01
Page
457 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Apologetisches Denken 457 rechtigung, prüfend die verschiedenen Aufbaugrundsätze, sei es der Zionistischen Organisation, sei es der Brandeis-Gruppe oder des Binjan Haarez, miteinander zu vergleichen. Unentbehrlich ist schließlich auch ein Überblick über Geschichte, Wesen und Entwicklungsaussichten der nicht jüdischen Umwelt, wenn anders ein Gesamturteil zuverlässig fundiert sein soll. Gerade dieser Gesichtspunkt ist oft in Gefahr, völlig vernachlässigt zu werden. Auf einer Palästinakarte sieht man einige rot markierte Flächen, alles übrige ist weiß, obwohl es doch durchaus kein menschenleeres Gebiet ist. Und wie sollten wir jene roten Inseln richtig deuten können, wenn uns doch jede Einsicht in das umgebende Weiß fehlt? Wer über jüdische Wirtschaftspolitik in Palästina urteilen will — mag er nun von vorneherein mehr sozialistisch oder mehr individualistisch eingestellt sein, sollte daher vor allem anderen zunächst Quellenkritik, Kritik an seiner Wahrnehmung, an seiner Anschauung treiben, denn das wenigste wird er selbst gesehen, ein mehreres aus Büchern oder Zeitungen — die oft ihr Wissen auch nur aus zweiter Hand empfangen — geschöpft, das meiste aber gehört oder aus Gelesenem und Gehörtem geschlossen haben. Solche Vorsicht in der Bewertung des eigenen Wissens stumpft nicht etwa die Schärfe der kritischen Entscheidung, mindert nicht ihre Bedeutung, sondern verleiht ihr vielmehr ein besonderes Gewicht. Namentlich gilt dieser Grundsatz dort, wo Referate und Debatten unmittelbar zu Beschlüssen über Finanzierung und Organisation wirtschaftlicher Maßnahmen vorbereiten sollen. Heute wendet sich die Aufforderung zu solcher Selbstkritik in erster Reihe an die Teilnehmer der Tagungen, auf denen ei*i gut Teil jüdisch-palästinensischer Wirtschaftspolitik erörtert und bestimmt werden Wlrd, des diesjährigen XIII. Zionistenkongresses und des in Aussicht genommenen gesamt-jüdischen Palästinakongresses. Die Gewißheit, daß man nicht über Theorien, sondern über die ökonomischen Geschicke großer sozialer Gruppen entscheidet, darf den Beteiligten niemals verloren gehen. — Soviel von der Voraussetzung der Kritik, der Konstruktion des Sachverhaltes, der selbständigen Gewinnung eines Bildes der zu beurteilenden Dinge. Über die Grenzen der Kritik soll nur Weniges, Prinzipielles gesagt sein. Sie sind für die wirtschaftspolitische Kritik dort gezogen, wo die ökonomischen Maßstäbe aufhören, für die Bewertung der Lebensvorgänge unbedingt geltend zu sein. Eine solche Grenze setzt die Achtung vor dem Geistigen, Immateriellen, sei es verkörpert im Individuellen, Persönlichen, sei es im Sozialen, das heisst also in den kulturellen, religiösen, nationalen, gesellschaftlichen Lebenswerten der Menschheit in ihren Gruppenzusammenhängen. Die Wirtschaft, die vernünftige Verfügung des Menschen über die ihm erreichbaren materiellen Güter, ist nur Mittel zum Zweck der wesensgemäßen menschlichen Existenz. Damit soll sie sich bescheiden. Dem Mittel gebührt kein Kontrollrecht über den Zweck. Wenn, um dies durch ein Beispiel zu erläutern, Juden nach Palästina gehen, um dort bestimmte besondere Lebensformen zu verwirklichen, dann entscheidet die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit nur über die Regelung der Einzelheiten, nicht aber über Wert oder Unwert der Sache selbst. Wirtschaftskritik ist ein streng logisches Verfahren nach ehernen Gesetzen, souverän in dem ihr zugemessenen Bereich. An der Autonomie des Geistigen indessen ist ihr eine Grenze errichtet. Fortbestand des Judenvolkes, jüdische Heimstätte in Palästina: dies Werk bedient sich zwar wirtschaftlicher Methoden, liegt aber dem Wesen nach selbst außerhalb des Bereichs ökonomischer Bejahung oder Verneinung. Jacques Adler-Leipzig APOLOGETISCHES DENKEN Bemerkungen zu Brod und Baeck I. Es ist oft gesagt und noch öfter nachgesagt worden, daß das Judentum keine Dogmen habe. So wenig das nun richtig ist — schon ein oberflächlicher Blick auf die jüdische Geschichte oder in das jüdische Gebetbuch lehrt das Gegenteil —, etwas so Richtiges ist doch damit gemeint. Das Judentum hat nämlich zwar Dogmen, aber keine Dogmatik. Schon

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