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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
450 (sequence 12)
Language
German
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450 Rachel Kaznelson: Über all dem aber dürfen wir nicht vergessen, daß Jiddisch und Hebräisch einander auch gegenseitig helfen. Die hebräische Sprache strebt danach, die gesprochene Sprache zu werden, und es ist uns unmöglich, nicht darnach zu streben, wenn auch unser Hebräisch-Sprechen noch so oft das Sprachgefühl jedes einzelnen von uns verletzt. In einer Zeit, in der das Buch Erbe der Vielen geworden ist, kann keine Literatur nur für wenige existieren; wem die hebräische Literatur verschlossen ist, dem steht eine andere offen. Die hebräische Literatur hat auch keinerlei Eigenschaften einer aristokratischen Literatur. Sie lebt in allem, und sie will darum auch den Weg zu allen finden. Man kann auch unmöglich damit einverstanden sein, daß die Mehrheit des Volkes von der wertvollsten und ursprünglichsten geistigen Tat nur mittelbar, entweder durch seine Freunde oder durch seine Feinde, höre. Noch bevor Hebräisch für alle die Sprache des Lesens wurde, wurde sie zur gesprochenen Sprache. Die Sprache, die durch Mendele und Bialik geschaffen wurde, wird uns von der Herrschaft der fremden' Sprachen befreien, und in der Sprache von Brenner und Gnessin wird der moderne Jude reden. Der Übergang der hebräischen Sprache von der Sprache des Buches zur gesprochenen Sprache wurde in der Sphäre des Buches vollzogen. Und in diesem Sinne übertreiben viele die Bedeutung Ben Jehudas. Er war der erste Held, der auszog, in einem neuen Meer zu rudern; aber das Boot, die Ruder und das Steuer waren für ihn bereit. Der hebräische Schriftsteller war der Mensch, der unser Leben belauschte und der sein Echo im Hebräischen fand; denn nur hier konnte er es finden. Und was ihm fehlte, entdeckte er aus seinem Herzen. Die Schöpfung der Umgangssprache beginnt mit dem hebräischen Buche zu der Zeit, als die Gefahr für das Bestehen der Sprache offenbar wurde, als die Möglichkeit für unser Volk vorhanden war, daß ein Mensch, der zu lesen wußte, ein fremdes und nicht ein hebräisches Buch las. Das war der Existenzkampf der hebräischen Sprache.. Aber wie die Musik zu ihrem Verständnis Resonanz braucht, so braucht eine große Literatur-Schöpfung einen großen Kreis von verstehenden Lesern. Und wenn bei uns etwas Wichtiges geschaffen wird, und nur „zwei in der Stadt* * das Werk lesen können, so müßte das ein Gefühl der Beleidigung für ein wunderbares Werk wecken, das verloren ging, wie herrliche Musik in einem niedrigen Zimmer verloren geht. Problematisch ist auch die richtige Würdigung eines Schriftstellers, den nur wenige verstehen. Wenn auch die geltende Würdigung immer aus dem Munde einzelner stammt, so sprechen doch diese im Namen des Volkes. Die hebräische Literatur aber hat kein Volk von Lesern, und das raubt auch dem Einzelnen die Kraft zu urteilen. Und es gibt keine Hoffnung» Meder für das Volk noch für die hebräische Literatur, in die Höhe zu kommen, solange nicht die Sprache zur gesprochenen wird. Denn nicht nur

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