Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Zwischen zwei Sprachen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 451 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwischen zwei Sprachen 45i viele Leser sind für eine Literatur notwendig, sondern auch viele, die mit dieser Literatur organisch verbunden leben. Ebenso ist es nötig, daß die gesprochene Sprache und das Denken des Volkes aus der Quelle der nationalen Literatur schöpfen. Wer kann sich vorstellen, daß Tolstoi seine Werke geschrieben hätte, wenn er nicht um sich die Sprache des russischen Dorfes gehört, verstanden und gesprochen hätte? Wegen des Fehlens des organischen Zusammenhangs mit dem Volke verstummten auch unsere treuesten Dichter, auch wegen des Fehlens einer Wertung; denn nur die lebendige Sprache gibt vielen und nicht nur dem Einzelnen das musikalische Gehör, das Wissen um die Bedeutung eines jeden Wortes, ohne die eine Würdigung unmöglich ist. Eine gewisse Zeit nach Puschkin fanden sich in Rußland viele, die nicht weniger schöne Lieder schrieben als seine, aber der Russe, der die Sprache spricht, die sein Volk von Puschkin geerbt hat, wußte zu unterscheiden zwischen seiner Schöpfung und den Nachahmungen, die nicht neu und nicht wahrhaft waren. Und wieviele Störer gibt es noch für die hebräische Sprache! Das Galuth ist mit der Herrschaft einer Sprache nur dann einverstanden, wenn diese die Sprache der fremden Umgebung ist. Der hebräischen Sprache fehlen auch die Galuth-Eigenschaften. In dieser Sprache wahrhaft zu sprechen, ohne ihre Ehre zu erniedrigen, kann nur derjenige, der fremden Einflüssen entrückt ist. Eine starke Individualität ist die hebräische Sprache, die keine Fehler duldet, die ihrem Geiste widersprechen, die sich niemandem unterwirft und von jedem Anpassung fordert. Und deshalb ist die Schwierigkeit des Hebräisch-Sprechens in Palästina so groß. Jeder bringt hierher seine Vergangenheit und die Sprache seiner Vergangenheit mit. Der Wille, sofort hebräisch zu sprechen, ist stark, und niemand ist da, der hilft. Aber auf die Kinder wartet die Sprache, wenn der Lehrer herkommen wird, der dazu berufen ist, die Arbeit des Schriftstellers zu beenden. Er auch wird den Erwachsenen Hilfe bringen. Diesen Lehrer haben wir fast noch gar nicht. Aber das Volk, das die Schöpferischen hervorbrachte, wird uns auch diejenigen geben, die ihm ihre Schöpfungen nahebringen. Noch ist die Zukunft der hebräischen Sprache verborgen in der Zukunft des Volkes.. 29*