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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 449

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
449 (sequence 11)
Language
German
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Zwischen zwei Sprachen 449 man denn die hebräische Bibel in alle Sprachen übersetzen, nur nicht in die jiddische, die Sprache der Juden? Und Menschen, die nur Jiddisch können, sollen die Bibel nicht lesen? Außerdem gab es doch schon Übersetzungen der Bibel ins Jiddische, von vor Hunderten von Jahren. Obgleich zwischen dem Jiddischen der „Z'enah ur'enah"1), seinen Forderungen an sich selbst, seinen literarischen Ansprüchen und zwischen der Übersetzung ins Jiddische und ihrem Zweck von heute kein Zusammenhang bestand. Jedenfalls: die Übersetzung — von Jehoasch — erschien in Amerika. Und als wir sie öffneten, wußten wir gleich, warum wir dagegen gewesen waren. Sie war absurd, war eine der Absurditäten, zu denen ein Mensch kommt, wenn er nicht das tut, was in seinen Möglichkeiten Hegt, sondern das, was er für nötig hält. Die Bibel kann man in die Sprachen aller Kulturvölker übersetzen, denn es gibt kein Kulturvolk, das nicht wüßte, was wir in der Zeit der Bibel erlebten. Und zur Bezeichnung der gemeinsamen Begriffe wurden in allen Sprachen Synonima geschaffen. Aber wie ist es möglich, die Bibel ins Jiddische zu übersetzen? Wie ist es möglich, sie für uns zu übersetzen? Schufen wir denn im Jiddischen noch einmal Ausdrücke für das seelische Leben der Bibel? Wer schuf sie, wann und in welchem Moment hatten wir dazu ein Bedürfnis? Man kann die Bibel in die deutsche Sprache übertragen, in die englische, weil zwischen diesen Sprachen und der Bibel eine Gleichheit besteht, die es zwischen ihr und dem Jiddischen , nicht gibt; weil es nicht noch einmal zwei andere Sprachen gibt, die auf so verschiedenem Niveau sich befinden wie diese beiden Sprachen. Denn den Inhalt unseres Lebens haben wir unter sie geteilt. Beide Sprachen bleiben nicht stehen, sie bereichern sich immer mehr. So irren diejenigen, die glauben, daß es Frieden geben könne zwischen Hebräisch und Jiddisch. In beiden sind doch wir selbst, aber in uns strebt alles zur Konzentrierung auf eine Sprache. Und diejenigen, die die Sprache bekämpfen, „um ihr nicht in der Schule eine Bedeutung beizumessen, die in keinem Verhältnis steht zu ihrer Bedeutung im Leben", und manchmal auch diejenigen, die sie verteidigen, wissen nicht, welches die Kräfte sind, die miteinander ringen und die Entscheidung bringen werden. Nicht die Menschen, die sich in den Versammlungen abmühen — außerhalb der Diskussionsräume, im ganzen Umkreis unserer Welt, kämpft das Hebräische seinen Kampf selbst, und stark ist seine Waffe: jedes hebräische Wort, das wir noch in seiner wahrhaften Bedeutung vernehmen. Öurch dieses Wort kämpfen mit uns und innerhalb unserer Reihen Arnos und Jirmejahu, das Gebet und die Aggada, Jehuda-Halevi und Nachman Krochmal für ihre Sprache. Aber nicht der offene Kampf gegen das Hebräische erschwert seine Lage, sondern der Kampf, den mit ungesehenen Waffen die anderen Sprachen und alle Bedingungen unseres Lebens in der Fremde dagegen fuhren. x) Ein mittelalterlicher Kommentar zum Pentateuch, wesentlich für Frauen bestimmt. Heft 7/8. 29

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