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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 448

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
448 (sequence 10)
Language
German
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448 Rachel Kazn elson: tasten in der hebräischen Literatur im Dunklen und können kein Urteil fällen. Und manchmal geschieht es, daß wir den uns beschenkenden hebräischen Dichter lieben, aber noch nicht zu antworten wissen, wer er eigentlich sei: ob er wirklich ein großes Talent ist oder ob er nur verstanden hat, die romantische Seite unseres Herzens zu berühren. Und wie das Rätsel unseres Volkes vor uns verschlossen ist, so ist seine Literatur vor uns verschlossen, und es gibt keine Abschätzung, keine Worte, keinen Glauben an die Schöpferischen. Es gibt nur Entzücken und Stammeln an Stelle der mitlebenden Kritik. Wenn wir ein hebräisches Werk lesen, wollen wir es immer mit einer Schöpfung fremder Völker vergleichen, und doch ist es unmöglich, zu vergleichen. Nach der Anschauung europäischer Literaturen besitzt ein Scholem Alechem Fehler, die selbst einem unbedeutenden Dichter verboten sind. Welche Naturbeschreibungen! „Der Mond scheint, die Bäume sprießen", — und die Neigung zu Späßen, zur Schablone und wieviele Sünden noch! Aber warum wird er so geliebt, warum ist es möglich, ihn immer wieder zu lesen, und warum liest ihn das ganze Volk? Weil Scholem Alechem ein Wunder ist, ein wirkliches Phänomen, weil er kein Schriftsteller ist, er nicht er selbst ist, sondern — unser Volk. Darum kann man Scholem Alechem nicht in den Strom der jiddischen und nicht in den der hebräischen Literatur einbeziehen, so wie das ganze Volk weder hebräisch ist noch jiddisch. Und so wie das innere Leben unseres Volkes voll Gehalt äst, und wahrhaft, so ist Scholem Alechem wahrhaft, tief, und voller Lehre. Aber wo ist die Kritik, die aus ihm schöpft? Wo sind die Menschen, die an ihm lernen? Es gibt etwas, das wie eine Wand zwischen uns und unseren einzelnen Schriftstellern steht, wie es etwas gibt, daß sie von der historischen Seele unseres Volkes trennt. Das ist der auf unserem Leben lastende Fluch, uns selbst nicht zu verstehen, den wir nur in der Assimilation fühlen, in ihrer Verneinung zu lösen suchen, und der doch auf uns allen lastet. Es sind ja nur so wenige, denen die Vergangenheit und die Gegenwart in ihren Schöpfungen, auch in den Schwächen dieser Schöpfungen offenbar sind; denn der Schwächen gibt es keine Grenze. Wenn wir wie Fremde an sie herangehen, was wird uns nicht schwach erscheinen, was schafften wir nach der Bibel, auf das wir vertrauen könnten? Aber einer der Wenigen, dem alles offenbar war, das Gute in uns und das Schlechte, die Schwäche und die Kraft, das Erhebende und das Erniedrigende: war Feuerberg. Er hatte die unmittelbare Beziehung sowohl zum Thalmud wie zur rabbinischen Literatur und auch zu uns — und ohne Grenzen sind die Geheimnisse, die mit ihm begraben wurden. Ein Mensch, der das Historische so empfindet wie er, ist ein Hellseher unter uns Entfremdeten. Vor einigen Jahren sprach man in Rußland und Amerika viel von dem Bedürfnis, die Bibel ins Jiddische zü übersetzen. Die sich dem widersetzten, taten es aus einem verschlossenen und unlogischen Gefühl heraus. Darf

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