Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Zwischen zwei Sprachen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 447 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Zwischen zwei Sprachen 447 „Volkstümlichen Geschichten" erschien Brenners Buch „Mikan u mikan"1). Wußte Brenner, daß uns dieses vernichtend unbarmherzige Buch zu einer Quelle von Sicherheit, Kraft und Hoffnung wurde, weit mehr als die Apotheose der „Volkstümlichen Geschichten"? Wir aber fühlten: allein die Tatsache, daß der Dichter mit uns kein Mitleid hatte, war uns ein Zeichen, daß wir lebten. Und die Hoffnung, die er brachte, — der Alte Lapidera und das Kind Amram, — sie war auch uns die einzige aber sichere Hoffnung. Dieses Buch erschien, als in unserer nationalen Publizistik — der jiddischen, russischen und in einem Teil der hebräischen — ein solcher Geist der Apologetik herrschte, und eine so respektvolle Vorsicht in bezug auf unser Volk, daß es uns manchmal schien, wir seien schon tot, nichts Lebendiges sei mehr da, und dies sei nur das letzte Geleite. Aber es gab im Hebräischen nicht nur Verneinungen. Die Kritiker bejahten sich und das Volk aufs neue durch ihr Sein. Nach der „Selbsteinschätzung" von Brenner trat A. D. Gordon seinen Anschauungen entgegen und zeigte uns eine Bejahung des Volkes, die aus der Bejahung des Einzelnen quillt. Und eine letzte Bejahung erlebten wir in Feuerberg, der uns Höheres ist als ein Wegweiser. Die meisten von uns reichen noch nicht an sein Verständnis heran, und dies ist auch nicht leicht. Wenn Bialik nur drei Jahre geschrieben hätte, hätten wir viel von ihm gewußt? Aber im Stammeln Feuerbergs — denn seine Worte, voll vom Feuer zusammengeballter Gedanken und Gefühle, sind nur ein Stammeln demgegenüber, was er uns noch hätte sagen können — in diesem Stammeln eines Zwanzigjährigen, ist etwas, was einzigartig in der neuen hebräischen Literatur bleibt. In seinen Erzählungen liegt eine natürliche Anziehungskraft, denn Feuerberg war noch ursprünglicher als die Großen seiner Zeit. Zwischen ihm und der jüdischen Geschichte gab es Bande, die anderen fehlten. Ach, wenn er wenigstens noch den beabsichtigten Roman über das Leben des Baal Schern geschrieben hätte — denn er war der wahrhafte Erbe des Baal Schern und seiner Anhänger, in seiner Macht stand es, uns eine neue Offenbarung unserer Geschichte und unserer selbst zu geben — an Stelle der wunderbaren, aber klügelnden und gekünstelten Erzählungen von Perez, Zum erstenmal empfanden wir Feuerberg so stark, als wir im Lande die Jeschajah-Kapitel von der Auserwähltheit und vom Messias lasen. Es war unmöglich, in der Gedankenwelt des Propheten zu sein, ohne zu fühlen, daß es dort eine Tiefe gibt, zu der auch die Besten unter uns nicht gelangt sind. Die Idee der Auserwähltheit des Jeschajahu war ganz anderer Natur, als <üe man in unserer Literatur verspottete. Und damals fühlten wir, daü es eine Beeinflussung gibt, die uns verwehrt, das Wesentliche zu sehen, öäo uns das Selbstbewußtsein, das In-sich-selbst-ruhen eines Feuerberg tewt. Es fehlt uns noch immer die Unmittelbarkeit der Beziehung zu unserer Literatur, sowohl zur hebräischen als zur jiddischen, es lst/eme.,;1C^" heit in unserer Wertung. Wir wissen selber nicht, wie fremd wir_ ihr sina, ^^nvon geschmakvollem Urteil in allen europaischen Literaturen *) Von hier und von dort ,