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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 446

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
446 (sequence 8)
Language
German
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446 Rachel Kaznelson: die das jiddischistische Denken in unser Leben bringen wollte, manchmal verwunderlich durch ihren Mangel an Takt, als hätten sie sich in intime Angelegenheiten eines anderen eingedrängt. Wie ernst war z. B. die Enqu6te in Leben und Wissenschaft*dem seinerzeit so sympathischen jiddischen Journal in Wilna, ob man die hebräischen Schriftzeichen des Jiddischen gegen lateinische umtauschen solle. Und andererseits lag in der jiddischen Publizistik, die das gegenwärtige Sein bejahte, eine Unfreiheit in bezug auf jede nationale Sache, eine Unmöglichkeit, einen Schritt vorwärts zu tun, eine Angst, es könnten die verschlissenen Kleider zerreißen; sie war konservativ, und sah nicht mehr, als was das Heute zeigte. Brauche ich an den „Freund" zu erinnern, an den „Bund", an Schitlowsky? Verschiedenen Ursprungs* und verschiedenen Bedeutung sind all diese Strömungen. Nur in der hebräischen Literatur, in ihrem wichtigsten Teil, fehlte die Zensur, deren Druck wir auch in der radikalen Presse des Jiddischen so sehr fühlten. Hier erlaubten sich die Menschen von selbst, über das jüdische Volk nachzudenken, über sich selbst und über alles, so wie Achad Haam dachte, Berditschewsky und Bialik. Und nicht aus der Überzeugung, daß man nur für wenige schrieb, daß die Menge es nicht lesen würde, kam die Freiheit des Gedankens und des Ausdrucks. Die Überzeugung, für wenige zu schreiben, tat ihre große Wirkung auf hebräische Schriftsteller, im Guten und im Bösen. Darüber wird man künftig noch reden. Aber die Freiheit des Gedankens, das Können und die Kraft strömten in der hebräischen Literatur aus einem inneren Bedürfnis und aus einer inneren Berechtigung. Dies ist die Tradition der hebräischen Sprache, die Fortsetzung des revolutionären Gedankens der Bibel. Als wir in das Land kamen, lebte in uns der Wunsch, uns vom Nationalismus als von einer fixen Idee zu befreien. Im Galuth verwehrte uns unser Nationalismus das Leben. Denken und Fühlen waren der einen Sache gewidmet, und es fehlte die Freiheit zu anderem Streben. Jede Öingabe an menschliche allgemeine Dinge verursachte die Annäherung an eine fremde Welt oder schien sie zu verursachen. Es war unmöglich, als Sozialist zu leben, als Tolstoianer, als Künstler, als Politiker, Wissenschaftler, ohne die Assimilation befürchten zu müssen. Menschliche Freiheit — und Entfremdung, Wirken in die Weite — und Entfremdung schienen unausweichlich verbunden zu sein. Nur ganz wenige waren Ausnahmen. Aber im Lande befreite man sich davon. Hier sind wir ja von selbst Juden, und dies war uns nötig. Eine solche Zuflucht ist uns auch die hebräische Sprache. Immer wird der hebräische Schriftsteller mehr Weltbürger sein als der jiddische. Immer wird in ihm mehr Sicherheit sein, ein volleres Bewußtsein seines Selbst; denn er hat die unmittelbare Überzeugung, daß er durch die hebräische Sprache, auf verborgene Weise, den Faden der Ewigkeit wieder knüpft und weiterspinnt. Die revolutionäre Kraft des hebräischen Gedankens liegt sowohl iß seiner Bejahung als auch in seiner Verneinung. Ungefähr 2 Jahre nach den

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