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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 445

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
445 (sequence 7)
Language
German
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Zwischen zwei Sprachen 445 Damals, nach der russischen Revolution, als unsere Lage so sehr gespannt war, lag etwas Einschläferndes in den besten Werken der jiddischen Literatur, eine Flügellosigkeit, die uns das Atmen in ihrer Luft schwer machte. Es gab eine Zeit, in der auch für uns das „Städtchen" das war, was es für Asch war: eine besondere Welt, unabhängig und von der eigenen Schönheit lebend. Aber nicht dies tat uns not. Hätten wir nur diese eine Möglichkeit gehabt, unser Städtchen so zu sehen und es uns so zu denken, dann hätten wir uns nicht als eines der großen Völker empfinden können. Bitterkeit liegt in unserem Urteil über das Jiddische, die Bitterkeit der enttäuschten Jugendliebe, die die klare Überzeugung zurückläßt, daß die seelische Frische, die es nur einmal im Leben gibt, vergebens verausgabt ist. Auch die Tatsache, daß das Jiddische uns noch mit einem Bande an das Leben des Volkes gebunden hat, kann uns nicht trösten. Etwas begann auf uns im jiddischen Denken und in der jiddischen Kunst abstoßend zu wirken. Warum gab nicht sie, trotz ihrer wahrhaften und ehrlichen Talente, sondern die hebräische Literatur uns unsere Selbstachtung zurück? Warum war im Jiddischen keine Spur der Hypnose zu spüren, die Bialik, Feuerberg und Gnessin auf uns ausübten? Das hängt nicht vom Talent ab. Was ist denn Talent? Durch den freien Menschen in ihr nahm uns die hebräische Literatur und Sprache gefangen. Wir dürsteten nach dem Menschen, und für uns war Bialiks „Zanach lo salsal"1) oder die Einleitung Tschernichowskys zu seiner Übersetzung von „Hajawata" 2), auch die Probleme'Feuerbergs und Natur und Weib bei Gnessin, für uns waren all dies — „Melodien des Menschen". Und wo der Mensch sich offenbart, dort ist das Volk. Dem gegenüber war in der jiddischen Literatur alles, was an einer Literatur, der es an klarem Denken fehlt, bezaubern kann: Sanftheit, Volkstümlichkeit, Weichheit und eine feine Erotik, die den ganzen polnischen Teil der jiddischen Literatur durchströmt, die in den Chassidismus des Jiddischen eindringt, in die Natur des „Städtel", und von der vielleicht auch der Zauber der „Volkstümlichen Geschichten" herrührt. Aber es gibt Zeiten im Leben des Menschen und des Volkes, in denen nichts ihm so gefährlich ist, als die Idylle und der begrenzte Intellekt. Eine solche Zeit war diejenige, in der die Sprachenfrage entschieden werden sollte. Ja, wenn Brenner Jiddisch geschrieben hätte, das hätte die Antwort ändern können! Nicht wegen seines Talentes, sondern weil es symptomatisch gewesen wäre. Aber daß die Talente so klar sich trennten, daß die tote und nicht die lebendige Sprache der Träger des revolutionären Gedankens wurde, darin lag.ein Urteil ... Denn es herrschte Disharmonie zwischen der schweren Lage des Volkes und zwischen der Wertung dieser Lage in der jiddischen Literatur und Publizistik. Nur die Strömung, die ein Echo, eine Art Übersetzung vom f^^schen war, stand selbständig für sich da. Auch waren die Reformen, l\ Zweiglein gleitet herab. ) Ubersetzung von Longfellows „Song of Hiawatha".

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