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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 444

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
444 (sequence 6)
Language
German
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444 Rachel Kaznelson: Nationale anziehend ist, und das Selbstbewußtsein es nicht gestattet, ein nationales Gut zu verachten, weil es nicht vollkommen ist, — nur in einer solchen Epoche konnte die Sprachenfrage geweckt werden, so scharf geweckt werden wie bei uns. Und wenn sich jemand die eine Sprache erwählt und nicht die andere, so tut er es aus seelischer Notwendigkeit. So forderte es die Genealogiekette des inneren Lebens, der wahre Zusammenhang der Generationen. Wir setzen die Traditionen der Sprache fort, in der wir leben, ohne Absicht, und vielleicht sogar gegen unseren Willen. Der seelische und der, intellektuelle Gehalt einer Sprache begrenzt die Höhe aller in ihr möglichen Ausdrücke. Der Mensch, der ein komplizierteres Leben lebt, als das in der Sprache verborgene, kann seinen Ausdruck nicht über die Grenze erheben, die ihm die Sprache gesetzt hat, und so kann der Ausdruck auch nicht weiter sinken, als bis zu der Grenze, die ihm die Sprache erlaubt. Wenn wir in früherer Zeit die eigentümliche Note der jiddischen Literatur« zu bezeichnen suchten, so sagten wir manchmal: „Die jiddische Literatur ist nationaler als die hebräische/* Wir sagten dies, weil wir in ihr eine Wärme fühlten, die uns im Hebräischen fehlte. Dort liebt man uns, wie wir sind, uns und unsere Straße und unser Städtchen. Eine Weichheit und Stille und gewisse Dünnheit im „Städtel" von Asch und in den „Volkstümlichen Geschichten" von Perez; eine Einfachheit, ein armer Humor, eine Schwäche des volkstümlichen Gedankens und eine Kraft volkstümlicher Wahrheit bei Reisin, dem einzigen wertvollen Dichter des Jiddischen, — das ist das Lied des Galuth, der Mutter, der Menschen, die die Masse genannt werden. Und alle diese waren uns seinerzeit Offenbarungen. Der Eindruck, den die „Volkstümlichen Geschichten" machten, war in einem gewissen Sinne nicht geringer als der Eindruck von Bialiks ,,Massa Niemirow". Diese Erzählungen nannten wir alle in unserem Herzen mit dem Namen: „Messiruth nefesch"1); denn das war das Lied von der Hingebung und von der Verherrlichung des Volkes im Galuth. Ja, nur im Galuth konnten solche Wunder geschehen. Einmal reiste ein Mitarbeiter einer großen jiddischen Tageszeitung von Städtchen zu Städtchen und überall fand er Poesie, aber nicht in der Natur, sondern im Leben des Städtchens, in seiner Vergangenheit und in seinen besonderen Menschen. Ich erinnere mich nicht an etwas Ähnliches in der hebräischen Literatur. Lewinski hätte so nicht sehen können. In der jiddischen Literatur ist etwas, das uns an eine Mutter erinnert. Die Menschen, die in dieser Sprache schrieben, hatten keine Möglichkeit, auf künstlerische Weise das innere Leben unserer Generation zu schauen und in sie einzudringen. Erst Brenner, Hoffmann, Berditschewsky und Gnessin vermochten dies. So ist auch eine Mutter nicht imstande, all die inneren Kämpfe in der Seele ihres Sohnes zu verstehen; auch sieht sie nicht all seine Sünden, denn trotz allem ist er für sie das Kind — und sie ist nur Mutter. x) Hingabe der Seele.

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