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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 443

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
443 (sequence 5)
Language
German
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Zwischen zwei Sprachen 443 baren nationalen Schatz hinzu und schaffen uns und denen, die nach uns kommen, eine reinere Atmosphäre. Jedes Wort, in das wir Gefühl und Gedanken gelegt haben, wirkte schon auf jemanden und dieser konnte es nicht aussprechen, ohne zu hören, was wir damit sagten. Dagegen macht das schablonenhafte Denken die Worte billig und inhaltlos, und dadurch setzt es die Bedeutung des nationalen Gedankens herab. In diesem Sinne ist die Verantwortung jedes Einzelnen groß. Jede Sprache hat ihren Zauberkreis und jeder, der in seine Mitte tritt, ist dem Einfluß unterworfen, der ihn aus ihrem Worte anweht. Wer einige Sprachen gelernt hat, weiß, das jedesmal, wenn er seine Sprache ändert, er sich selbst ändert. „Deine Stimme, wenn Du in dieser Sprache sprichst, ist eine andere, als wenn du in einer anderen Sprache sprichst." Auch diejenigen, die keine Gelegenheit hatten, Russen nahe zu sein, empfingen durch den Einfluß der russischen Literatur seelische Eigenschaften Rußlands. Denn die Sprache ist keine Sammlung von Ausdrücken, sondern die Geschichte ließ ihre Seele in der Sprache zurück, wie es Turgenjeff für die eigene bezeugt hat: „In den Tagen des Zweifels, den Tagen der schweren Gedanken über das Schicksal meines Vaterlandes — bist du meine Stütze, nur du, unsere Sprache, die große, herrliche, wahrhafte und freie; denn es ist unmöglich, daß eine solche Sprache nicht einem großen Volke gegeben ist." Eine Sprache beschenkt und verpflichtet. Und je reicher das Erbe der Väter ist, um so schwerer ist es zu leben. Schwer haben es die Völker, die eine große Vergangenheit haben. Aber unser Volk, hat sich seiner Vergangenheit nicht entfremdet, es setzte sie fort; die nationale Kraft, die in der hebräischen Sprache verborgen liegt, lebte auch im Galuth. Die Religion behütete sie. Dank ihr schreibt Tschernichowsky nach tausenden von Jahren Hebräisch. Die Religion, die das jüdische Leben mit neuem und lebendigem Inhalt erfüllte und in all sein Streben drang, sie gab dem Hebräischen die Innigkeit, die die andere — die Muttersprache, die Sprache der Familie und des, täglichen Lebens — von ihr genommen hatte. Und andererseits der religiöse Gedanke — auch Poesie, Philosophie oder Wissenschaft, waren bei uns immer religiös — das Denken Einzelner, die höchste geistige nationale Tat, genährt vom Schatz der Energien in der hebräischen Sprache, bereicherte selbst diesen Schatz durch Ausdrücke, durch Tone und Farben, in denen die Generationen im Galuth ihr Leben bewahrt haben. Hunderte von Jahren spricht das Volk jiddisch, fast unser ganzes Volk. Und auch diese Sprache hat einen Schatz von national gelebten Energien *n sich hineingezogen. Was in ihren Klängen niedergelegt ist, die Mutter, die Kindheit, die Geschichte unserer Zerstreuung, das seelische Leben des Volkes, ist wahr und teuer und geht uns nahe an. Und vor dle^ beiden Welten standen die Schriftsteller unserer Zeit, der Zeit, die aas Schicksal der Sprachen beschließen soll. Denn nur in einer EP0Cfte ™e der unsrigen, da die Regungen des Herzens jedem sein Gesetz geben, da anes

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