Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
442 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108297--6263-3108395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

442 Rachel Kaznelson: war dies kein Zufall) ein beschränkter Gedankenkreis herrschte, der uns meist erstarrt und reaktionär erschien. Im besten Falle brachte die jiddische Literatur ein Echo der Offenbarungen, die sich in hebräischer Sprache ereignet hatten. In unserer Lage und bei der Lage unseres Volkes aber sehnten wir uns nach revolutionären Gedanken. Nach den Hoffnungen, die wir auf das Jiddische gesetzt hatten, hätte Brenner seine Erzählungen aus dem Leben der Armut und alles, was er schrieb, jiddisch schreiben sollen, während Schalom Aschs Idylle „Das Städtchen" — nach unserer Vorstellung vom Hebräischen — in der klassischen Sprache geschrieben sein müßte. Aber dem war nicht so. War es nicht verwunderlich, daß Schriftsteller, die vor 30 und 20 Jahren noch Kinder einer Straße, manchmal Schulfreunde waren und meistens beide Sprachen beherrschten, sich in hebräische und jiddische Schriftsteller getrennt hatten? Brenner, Schofmann, Gnessin schrieben nur hebräisch; Anochi— außer seiner ersten Erzählung „Ha-jenuka"1) — Niger und Bergelson nur jiddisch. Nicht auf eine Kritik der hebräischen und der jiddischen Literatur, nicht auf eine Wertung der künstlerischen Bedeutung der Schöpfungen in diesen beiden Sprachen kam es uns damals und kommt es uns heute an, sondern vor uns steht die Tatsache der beiden Sprachen und wir wollen die Frage beantworten: Warum wurde ein Talent zur einen Sprache hingezogen und ein zweites zur anderen? Und warum entstand der Sprachenstreit? Wenn auch hier viel Blindheit, grundloser Haß und Einfluß vergänglicher Dinge mitgespielt hat, so muß es doch auch tiefere Gründe gegeben haben. Jede Sprache ist ein Schatz nationaler Energien. Die Erlebnisse des Volkes, nicht nur die zum Gedächtnis aufgeschriebenen, auch seine Gefühle, Wünsche, die Lebensereignisse jedes Einzelnen, bleiben in der Sprache ewig lebendig. Ein Mensch, der sein Volk, dessen Geschichte und Sprache gut kennt, der kann den Klang unterscheiden, den jedes Wort hat, im Gegensatz zu seinem Analogon in einer anderen Sprache; er weiß, bei welchem historischen Ereignis, im Munde welches Führers, oder aus welcher seelischen Eigenschaft des Volkes dieses Wort seinen besonderen Ton erhielt. Im Gedächtnis des Volkes sind jene Ausdrücke für immer eingegraben, deren man sich — oft in sprachschöpferischer Weise — in Augenblicken tiefsten seelischen Erzitterns, religiöser Offenbarungen, nationaler Gefahr bediente, die vom Munde eines strafenden Propheten kamen, die einem geliebten Helden zugerufen wurden. Und wenn diese Worte auch anfangs nur von wenigen gehört wurden, so konnte bald aus dem Munde dieses Einzelnen das ganze Volk die neuen Klänge vernehmen. Und nicht nur die feierlichen Zeiten im Leben eines Volkes, auch das tägliche Leben und hauptsächlich dieses, bleibt für immer in der Sprache, und in diesem Sinne endet die Schöpfung der Sprache niemals, solange man in ihr lebt, denkt und spricht. Je wichtiger unser inneres Leben ist, das wir in der Sprache ausdrücken, um so mehr fügen wir zu diesem unsicht-!) Das Kind

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.