Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 438 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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43« Robert Arnold Fritzsche: Hermann Cohen der Sinnlichkeit. So baut sich der Geist seinen Körper. Tut er's denn aber vielleicht auf Kosten der einzelnen Menschenseele? Führt dieser Höhenpfad nicht am Ich vorbei? Die Kunst bietet dem Ich durch die Liebe ein Obdach, aber das Sehnen nach einer Heimstatt — auch dieses „ein Rest des Verlangens nach Wirklichkeit*i — bleibt ungestillt. Nun befestigt Cohen das Ich durch die Korrelation zu Gott. 1915, nach der Ästhetik, wird „der Begriff der Religion" in einem besonderen Buche entwickelt. Doch wenn wir das System mit einem Dome vergleichen, so ist das eine angebaute Kapelle, obzwar streng im Stil des ganzen Bauwerks. Nach Cohens Tode erscheint „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums*1. Das System wird darin hundertfältig bestätigt, es ist Leben und Wirklichkeit geworden, aber die Religion selbst ist auch jetzt kein selbständiges Glied der philosophischen Architektur. Hätte Cohen weniger keusch philosophiert oder wäre seine Frömmigkeit weniger zart gewesen, er hätte die Religion in der Grundlegung der Ethik zu Ehren gebracht. Ich vermute, dieser Zartsinn eignet dem besten Judentum, entspringt der Scheu vor den Geheimnissen Gottes, und daraus erfließt Cohens Verständnis für das echte Wesen der lutherischen Religiosität und für die echte mittelalterliche Mystik. Dem Philosophen steht es nicht an, die „unendliche Natur" irgendwie zu fassen, sondern Weg und Ziel soll er zeigen auf deutlicher Straße. Dieselbe Ungeduld, -die eine besondere „Lebenskraft" einsetzt, weil sich das Leben nicht mechanisch erklären läßt, sie mag auch am Staatsbegriff kein Genüge finden, weil darin nicht aufgeht, was als „Volksgeist" soviel reichere Ernte verspricht. Warum kommen wir denn vom römischen Rechte nicht los? Das deutsche webt doch viel inniger in aller Eigenart, es streift an den Tief sinn der Dichtung. „Das Recht ist eigentlich nichts als Kritik; diese soll so allgemein und grundsätzlich als möglich sein, und das produktive Leben, der Gegenstand dieser Kritik, ist es, welcher allzeit urwüchsig und individuell sein soll." So zu lesen in der ersten Fassung des „Grünen Heinrich". Das „produktive Leben" wird nicht verkürzt, es wird nur behütet vor der Willkür seines Wachstums. So erkennen wir — in der Linie des Rechts — im Staatsbegriff eine Wohltat der Renaissance. Die gewachsenen „relativen Gemeinschaften" gedeihen, nachdem der Staat als ein Gebilde des Sollens aller Starrheit und aller geschichtlichen Versteifung entronnen ist. Nach Kellers Hintritt hat Cohen in einem Briefe an August Stadler es abgelehnt, „den intellektuellen Transport auf die Ewigkeit der Kultur für die Hauptkraft des armen menschlichen Individuums anzusehen". Als „das eigentlich Beständige, als Menschenwert und als das Ewige im Irdischen" bezeichnet er vielmehr „das Unsägliche und Vorübergehende in der Laune, und wenn's hoch kommt, der Gesinnung des Mitmenschen". Das System ist unvollendet. Es fehlt die „Psychologie des reinen Bewußtseins". Sie zu schreiben, von seinem Entwurf aus zu schreiben, wäre auch über Cohens individuelles Maß hinausgegangen. Aber der Entwurf lag doch innerhalb dieses Maßes; warum nicht die letzte Ausführung? Gewahren wir darin vielleicht die Antinomie dieser, ja jeder Individualität, daß sie im Anlauf ihrer Möglich-