Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 437 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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437 zur Erholung des ermüdeten Sehorgans vor einer neuen Perspektive. Was vordem als Lösung angestrebt wurde, wird nun stillschweigende Voraussetzung, und ungeahnte Felder des Forschens laden zu jugendfrischem Tun, Aber die historische Last wird uns darum nicht abgenommen. Wir gewannen nur dies, daß sie weniger drückt, weil wir gelernt haben, sie besser zu verteilen. Der Humanismus hat die Scholastik nicht erledigt, nur zurückgeschoben. Nun der Aquinate sich wieder meldet, ist die Erörterung freimütiger geworden von hüben und drüben. Nichts von dem, „was die Geschichte dunkel verrät", darf der hellen Erkenntnis entzogen sein. Aller geschichtlich überlieferte Gehalt des Denkens soll wie gleichzeitig werden, soll der Systematik entgegenreifen. Unter diesem Gesichtspunkt fordert Cohen die Pflege der „Wissenschaft des Judentums" im Rahmen der deutschen Universität. Wenn Mendelssohn die im Gesetz Geborenen auf das Gesetz verpflichtet, so schirmt Cohen das Judentum nach innen durch das erst auszumünzende prophetische Erbe, von außen her erwartet er nicht mehr nur Duldsamkeit, sondern Anerkennung, und dies um der Reinheit der Staatsidee willen, als welche zwischen den empirischen menschlichen Formen und dem Gedanken der einen Menschheit vermittelt. Die Staatsidee und die geschichtliche Einsicht lassen es nicht zu, daß irgend eine Religion den Titel der absoluten sich zuerkenne. In der beweglichen Forschung waltet die Wahrheit, sie trachtet nach dem Frieden, sie darf nicht ruhn. Das achtzehnte Jahrhundert hat den verbindenden Bogen gefällig hingezeichnet. Als die Einbürgerung der Juden in den Gesichtskreis der Deutschen trat, sammelte Mendelssohn erbauliche Aussprüche der Rabbinen, und Herder dichtete nach rabbinischen Quellen „jüdische Parabeln". Aber das Einfügen in die Weltliteratur konnte nur Vorspiel sein; die Ästhetik präludiert der logisch-ethischen Arbeit. Das ganze nachbiblische jüdische Schrifttum gehört zu unserem deutschen globus scientiarum. Cohens System ist auf „Vernunft und Wissenschaft" gegründet. Die „allerhöchste Kraft" des Menschen wird zur höchsten Leistung aufgerufen. Die ganze Fülle des Gemüts soll sich erschließen, aber das Führeramt gehört der Erkenntnis. Jüdische Gewöhnung an den Vortritt der „Lehre" mündet hier in die sokratisch-kantische Anordnung ein. Es handelt sich um eine Ordnung der Tätigkeit und nicht des Ranges. Jüdischer Herkunft ist es doch auch, daß Cohen den Zugang zur Erkenntnis allen ohne Ausnahme eröffnet. Niemand hat den Gedanken der allgemeinen Schulpflicht lebendiger aufgefaßt und^ folgerichtiger angewendet, niemand den Staat genauer bezogen auf Unterricht und Erziehung. Hier wurzelt, was man Cohens Sozialismus nennt, von da aus wertet er das Deuteronomion, von da aus zeigt er uns, wie der „Mitmensch" am „Armen" und am „Fremdüng" zur Entdeckung gelangt. °as „System der Philosophie" verleiblicht sich zunehmend nach dem Abschluß hin. In der Logik gibt es nur das Denken, in der Ethik tritt der Wille hinzu, in der Ästhetik rührt das gestaltende Fühlen an die Grenzen