Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 439 (sequence 11)
- Language
- German
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Rachel Kaznelson: Zwischen zwei Sprachen 439 keiten nicht gebunden scheint an die Grenzen der Menschheit. So darf sich also doch das arme „empirische Ich" neben der „ethischen Allheit" sehen lassen. Was mit jedem Menschenkind geboren wird und was mit einem jeden unseren Augen entschwindet, das wehrt sich gegen den Ausdruck in Wort und Gedanke. Um die Erfüllung dessen, was die Gesamtheit unseres Geschlechts bedeutet, um diesen Sinn des Daseins ringen verschwistert Begriff und Wille. Jenes Unsagbare und dieses Begreifliche wird im Gefühl durch die Kunst geformt; aber was sie hervorbringt, tastet nur nach dem Individuellen: der (,Mensch der Natur" und die „Natur des Menschen" verharren im Typus Zwischen Individuum und Allheit spielt und schillert die Wesenheit des Volkes. Sie lagert im Zwielicht der Geschichte, schwer zu umreißen im Sollen und im Sein Das Volk verhält sich zu dem klaren Begriff des Staates ähnlich wie die Sprache zum Denken Sie kommen einander näher und näher, aber die völlige Übereinstimmung wird immer wieder hinausgeschoben. In solchen asymptotischen Bewegungen sammelt sich allenthalben die Stärke und verbreitet sich die Mannigfaltigkeit des menschlichen Wesens. Hermann Cohens jüdisches Volkstum hat sich zum Sinnbild vergeistigt, aber in diesem Sinnbild waltet eine Kraft, die einströmt in seine deutsche Empfindung. So würdigt er Luther als Dolmetsch der Psalmen; so glaubt er zu vernehmen, daß über das Kirchenlied hin in unserem Volkslied die Harfe Davids weitertönt. Er ist ein tapferer Deutscher gewesen, weil er ein frommer Jude geblieben ist. RACHEL KAZNELSON / ZWISCHEN ZWEI SPRACHEN'1 Im vorigen Jahre fanden in Kinereth einige Unterhaltungen über die Krise im Sozialismus statt. Aus diesen Gesprächen klärte sich mir die Beziehung zwischen den Begriffen: revolutionäre Bewegung und Literatur. Der revolutionäre Charakter der hebräischen Literatur im Gegensatz zur fischen Literatur wurde klar und, im Zusammenhang damit, Gedanken über unseren Abfall vom Jiddischen und über das Verhältnis der beiden Sprachen zueinander. 3 Der folgende Autsatz enthält Eindrücke einer Generation, die der ersten russischen Revolution (1905) entwachsen ist. In Palästina, insbesondere während der Abgeschlossenheit der Kriegszeit, nahmen unsere Verbindungen mit dem hebräischen Worte immei'mehr dagegen löste sich allmählich unser Verhältnis zur jüdischen Literatur, amm^a aDer ging diese neue Wege; nach dem Kriege ist auch in diesem Kulturbezirk eine neue herangewachsen, die ein anderes Verhältnis als wir zur hebräischen und zur Puchen Sprache hat. Uber die SpVachentscheidung dieser Generation zu schreiben die ^^I^^k als die unsrige annehmen wird, soll einem ihrer Zeitgenossen uberlassen blei^£ ä Weser Aufsatz ist uns von der Verfasserin aus einem von der ^f™«*™™^' Arbeiterorganisation herausgegebenen, in Jaffa erschienene«\S^^"f* iZscher <Me erstmalige, gegen den Urtext leicht veränderte ytt0»ent'lÄrtJL^. Red. Sprache zur Verfügung gestellt worden und aus dem hebräischen Original ubertragen. «