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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 436

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
436 (sequence 8)
Language
German
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436 Robert Arnold Fritzsche: Ton, der Gesichtskreis zieht sich zusammen auf die näheren Anliegen, auf die engeren greifbaren Hoffnungen der drangvollen Gegenwart. Es ist wahr, das Fortbestehen des Judentums ist eine, ist die Paradoxie der Geschichte, und an Paradoxien vertieft sich unsere Einsicht. Der „Zaun des Gesetzes", wir wissen jetzt, wozu er nötig war, warum er gelichtet werden soll, doch nicht gerodet werden darf. Aber hat nicht das Mittel auf den Zweck gedrückt; entsprang nicht hier eine von den Schwierigkeiten, die den Begriff der „Assimilation" verfälschen? Ausgeschlossen von der Breite des Völkerlebens, haben die Juden ein Vermögen in logischer Fähigkeit und Fertigkeit, eine zähe ethische Energie und einen dichterischen Gestaltungsdrang in sich angesammelt, und reichlich haben sie davon mitgeteilt, sobald ihnen der Zutritt zum inneren Leben der jüngeren Völker nicht mehr versperrt war. In Alexandrien und dann unter den Arabern in Spanien ist das in die Erscheinung getreten, und wo unter uns Juden auf den Feldern der Wissenschaften und der Künste, der Wirtschaft und der Technik sich ausgezeichnet haben, verdanken sie's der Schulung ihrer Väter in Halacha und Haggada. Die Schnelligkeit dieses Emlebens erweist sich als ein Teil derselben Kraft, durch die vordem — unter äußerem Zwang und aus innerer Nötigung — das Einleben hintangehalten wurde. Aber die Assimilation überspannt sich in ihren Gegensatz, wenn das Judentum den modernen'Nationalgedanken zumal in seiner vergänglichen pseudohistorischen Form auf sich selbst überträgt; sie vernichtet sich im Subjekt "und im Objekt, wenn sie den Übertritt zum Christentum als Abschluß und Heilmittel annimmt. In beiden Fällen geht das Wertvollste verloren, die prophetische Idee der Menschheit, um derentwillen die Juden die Bürde der Vereinsamung bisher getragen haben. Das Alleinsein ist nicht gut, aber es wird nur überwunden durch das Einverständnis aller Menschen über das notwendige Nebeneinander gesonderter Wege zum gleichen Ziel, und solches Verständnis heißt Humanität. Wir nannten die deutsche Humanität in ihrer klassischen Ausbildung „Vorwegnahme der Zukunft". Durch Herder verbreitet, durch Goethe verklärt, hat dieses Vorwegnehmen ein Hinwegsehen über tiefere Unterschiede mit sich gebracht, eine geschichtliche, und, da die Geschichte nur aufgereihte, mählich sich enthüllende Systematik ist, auch logisch-systematische Unbesorgtheit. Man möchte endlich einmal die Menschheit befriedet und ihres Adels versichert sehen. Man ersteigt eine freie Höhe, und drunten wogen die Nebel. Goethe versteht es nicht mehr, daß Kant sich Mühe macht mit dem radikalen Bösen, und wie aus einer anderen Sphäre blickt er zurück auf die theologischen Händel der vorangehenden Generation: „Sie haben Lessing das Ende verbittert — Mir sollen sie's nicht." Auch in der Welt Voltaires und Diderots scheint ja die Schwere Pascals abgeworfen und die gehaltene Strenge des Descartes verflogen. Das ist nicht Oberflächlichkeit, es ist ein Hinüberschwingen in eine andere Schicht

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