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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 435

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
435 (sequence 7)
Language
German
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Hermann Cohen 435 nisse, die nicht von außen kommen, sondern aus dem Inneren der Entwicklung selbst. Die Nationalität, entsprossen aus der Gemeinschaft der Sprache und der geschichtlichen Schicksale, sie regt sich zunächst kraft eines besonderen Auftrags innerhalb der Menschheit und für die Menschheit, und sie gerät im Verlauf ihrer Erstarkung in die Gefahr, sich der Menschheit zu widersetzen. Den Ertrag des geistigen Ringens der klassischen Epoche verwandelt die Romantik in ein naturhaftes Fühlen. Von da aus wird der deutschen Art die weiter entlegene Vorzeit zurückerobert. Jacob Grimm entdeckt unser Mittelalter so sinnig, wie es sich selbst empfunden hatte, und doch heller, als es sich selber begreifen konnte. Ranke webt in seiner altlutherischen Frömmigkeit und betrachtet dabei alle Äußerungen menschlichen Wesens so unbefangen, wie es vor Goethe nicht möglich gewesen wäre. Den „hohen Geistern" bleibt die Humanität unbestritten; in der Niederung umflort sich der Blick. Der Humanität ersteht von neuem die Aufgabe, in ihre Richtung ringend einzupassen, was als ein neues stoffliches Gemenge sich darbietet. Nicht nur die geschichtliche Bewußtheit hat sich im Gange des neunzehnten Jahrhunderts verhärtet und verdinglicht, die Wissenschaft von der Natur hat dasselbe erfahren, sie greift weit hinaus über das ihr zugewiesene Gebiet, die Analogie des physikalischen Geschehens entseelt den Geschichtsverlauf, und von der Biologie her verdunkelt der Rasseneifer den Menschensinn. Wie steht in diesen Wirrnissen Hermann Cohen seinen Mann? Als Kennzeichen der Klassizität nennt er die Rücksicht auf das Eigentümliche, das Streben nach dem System und die Beachtung der genauen Begriffe. Das Unterscheiden ist je und je so wichtig wie das Zueinanderordnen. Nichts Einzelnes darf sich als solches setzen und selbstzufrieden der Allheit entziehen, aber die Allheit ist auch nirgends Alleinheit, die das Ersonderte in sich aufsaugt und aufhebt: die Einrede, die auf dem Gipfel des Systems keine Vermischung Gottes mit der Welt erlaubt, sie betrifft zugleich alle Teilgebiete und alle Höhenlagen der geistigen Erzeugung. So bejaht Cohen das Daseinsrecht des Judentums. Es kann nur beruhen auf einer eigentümlichen Wendung des Menschlichen nach der Menschheit hin. Vergangenheit, und sei es die ehrwürdigste, sichert als solche keinen dauernden Bestand. Die jüdische Glaubensgenossenschaft bewahrt in der Sprache ihrer Gebete das Andenken an ein Volkstum, sie ist aber keine Nation mehr und soll es nicht sein. Sie erhält sich neben Weltreligionen, die aus ihrem Schöße hervorgegangen sind, und überlebt den Untergang der mächtigsten Reiche, lange nachdem sie der eignen Staatlichkeit endgültig sich begeben hat. Das also vermochte die Fernkraft der prophetischen Idee und des messianischen Ideals. Ihre Wirkung ist darum so wunderbar, weil jene Idee im Judentum keineswegs immer offen zutage liegt, weil sie oft nur mittelbar als Stärke der Selbstbehauptung in den Gemeinden sich dartut, von Zeit zu Zeit als Erkenntnis hell aufleuchtet m großen Lehrern. Auch in der Prophetie reckt sich ja der Menschheitsgedanke wie unversehens fast über die Verkünder selbst empor, gleich darauf fallt der 28*

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