Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 434 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Rober t Arnold Fritzsche: nur „die Tatsache seiner notwendigen Existenz". Sie wird bezeichnet durch den Gottesnamen. In dieses Ergebnis hatte sich bei Maimonides die Erörterung der Attributenlehre abgeschlossen. Der Todfeind der Einzigkeit Gottes aber ist der Pantheismus. Wir verstehen jetzt, warum der Streit an Lessings Grabe Mendelssohn so verstören, so verbittern mußte. Mendelssohn spürte, daß, wenn Jacobi Recht behielt, das Band zerschnitten wurde, das sein Judentum mit dem deutschen Denken am innigsten verknüpfte, und er gebot nicht über die methodischen Mittel, weder in seiner deutschen noch in seiner jüdischen Sphäre, um den Angriff abzuwehren. Cohen war nach beiden Seiten besser ausgerüstet, weil er als deutscher Philosoph von Kant herkam und weil er als Jude den einzigen Gott wiedererkannte als den messianischen, der die Wirklichkeit verbürgt für den „Staat des Ideals". Dieser Staat wird wirklich im „Staatenbunde der Völker". Die Einheit des Menschengeschlechts ist die Voraussetzung für die Einzigkeit Gottes. Darf man sagen, daß die Spitzflamme der prophetischen Glut in Hermann Cohen zusammenschlug mit der feuertrunkenen Menschheitsstimmung unseres klassischen Zeitalters? Er selbst ist ja nicht müde geworden, die Zusammenkunft Beethovens mit Schiller im „Lied an die Freude" zu interpretieren! Freilich, solche Begegnungen bleiben immer Episoden — es ist noch weit zum Reiche der Erfüllung. Das Judentum soll die Reinheit menschheitlicher Gesinnung in sich erst wieder bloßlegen und herausstellen; und auch die deutsche Humanität samt ihrer klassischen Verkündigung ist mit nichten vollendet, auch in ihr soll die ethische Idee sich erst auseinandersetzen mit den theoretischen Begriffen oder, anders ausgedrückt, mit den Gestaltungen der Geschichte. Sie wallen herauf aus der Triebkraft eines unerklärlichen Wachstums, nicht als solche entgegen der ethischen Idee, vielmehr wie neben ihr her, unter ihr hin, hemmend in einem und förderlich, als ein für uns immer aufs Neue Unangleichbares, das dennoch danach ruft, angeglichen und einverleibt zu werden. Keine noch so umfassende, noch so hochragende Formel bringt diesen Vorgang des Nachwachsens zum Stillstand. An einem Widerstrebenden und genährt aus dem Element dieses Widerstrebenden selbst soll sich der Inhalt, der Reichtum der sittlichen Forderung entwickeln. Wie nun der messianische Prophetismus über schweigende Jahrtausende hinspricht, so ist die deutsche Humanität in ihren Maßen Vorwegnahme der Zukunft. Wir klagen nicht, wenn sie für Jahrzehnte vergessen wird, sie bleibt Verheißung,, d e r Ausdruck des deutschen Wesens. Die Propheten erahnten oder erschauten den Untergang ihres geschichtlichen Staates und nahmen daher den Aufschwung zur Darstellung des idealen, und die Idealität hat sich ausgetragen über die Zerstörung des zweiten Tempels hinaus; unsere klassische Literatur und Philosophie erhob sich ohne Hinsehen gleichsam auf die politische Verfassung der deutschen Nation. Dann weckt das Bewußtsein des literarischen Verdienstes den politischen Anspruch, das ,,Weltbürgertum" geht ein in den „Nationalstaat* * — doch nicht ohne neue unerwartete Hemm-