Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 433 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Cohen 433 „Grundgesetz der Wahrheit" zwischen Logik und Ethik die Brücke oder vielmehr unausgesetzt Brücken schlägt, so besitzen wir die Wahrheit indem wir sie suchen. Es verschiebt, entwölkt sich uns der Gehalt der Lessingschen Parabel: „Was die Wahrheit für den Vater bedeuten mag, gehört nicht in den Umkreis unserer Probleme." Im Fortschritt von der Erläuterung Kants zur eignen Systematik hat Cohen die kantische Ansicht der reinen Vernunft von dem Schein des Verzichts und der Entsagung, die der praktischen von dem Verdachte der Nachgiebigkeit gegen unwägbare Bedürfnisse des Gemüts befreit. Kant läßt als Endzweck nur gelten „die ganze Bestimmung des Menschen, und die Philosophie über dieselbe heißt Moral". Daß dieser Endzweck aber schon in der Art sich darstellen muß, wie die reine Vernunft ihre Fragen stellt, diese — wenn man will — „anthropologische" Folgerung hat Hermann Cohen ins Licht gesetzt. Nun zweifeln wir wohl, ob wir „des Vaters" überhaupt noch zu gedenken haben, ob wir seiner überhaupt bedürfen, ob nicht reine Erkenntnis und reiner Wille, wie sie sich wechselseitig stützen und fördern, so auch uns zu halten und zu führen vermögend sind. Sie sind es, aber nur unter der Bürgschaft dessen, was Cohen „die Idee Gottes" nennt. „Im Umkreis unserer Probleme" geht uns „die Wahrheit des Vaters" nichts an, aber wir haben es ja gar nicht nur mit Problemen zu tun. „Ein Rest des Verlangens nach Wirklichkeit bleibt unaufgelöst zurück." Nicht daß nun die Idee Gottes wie ein deus ex machina einträte, diese Idee war vorbereitet dadurch, daß Sein und Sollen sich voneinander scheiden und nach einander streben ohne Unterlaß; und hätten wir den Ort oder die Kraft oder die Tendenz ihrer Vereinbarung nicht Gott genannt, welch anderen Namen hätten wir uns ersinnen mögen! Hier ist es, wo Cohen den consensus gentium aufruft mit einer Ergriffenheit ohne Gleichen: „Es sagen es alle Menschen unter dem himmlischen Tage, ein Jeder in seiner Sprache. Sollte man an unserer Sprache etwas vermissen, wenn wir Gott eine Idee nennen, und zwar das Zentrum aller Ideen, die Idee der Wahrheit?" Mendelssohn mochte der Theodicee „um seiner eignen Ruhe willen" nicht entraten; auch bei Cohen erscheint sie wieder in diesem Kapitel, aber in einer neuen Einfalt und Tiefe. Wir versuchen uns nicht mehr — wie die Freunde Hiobs — an der Rechtfertigung der göttlichen Plane und Absichten durch die Zweideutigkeiten des geschichtlichen Daseins hindurch: „Der Begriff Gottes selbst enthält in sich die Theodicee." Gott besagt freilich mehr, als Idee und Begriff zu umspannen vermögen, und er enthält doch eine Bestimmtheit, so ihn zu nennen und zu bekennen. Der menschliche Geist hat hier die stärkste Abstraktion vollzogen, deren er fähig ist, und dabei des Allerkonkretesten sich bemächtigt; und das ist vollendet worden nicht irgendwann und irgendwo, sondern in einer erkennbaren, literarisch bezeugten geschichtlichen Situation: im Judentum des Exils. Von der Höhe seines deutschen Denkens und im Umgang mit deutscher philologisch-historischer Forschung ist Hermann Cohen seines Glaubens und seines Glaubensvolkes schier absichtslos neu gewahr geworden. Vom Wesen Gottes kennen wir Heft 7/8. ° 28