Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 432

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
432 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108295--6239-3108385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

432 Robert Arnold Fritzsche: Vergangenheit rein aus der Anschauung des Vergangenen selbst? Auch wenn wir solche Erkenntnis gewinnen könnten, so bliebe sie doch abgesondert von dem Ganzen unseres Wissens und Strebens. Aber wir können sie ja weder gewinnen noch behaupten. Soll die Chronik Historie werden, dann bedarf es einer Auffassung des Geschehens, die über das Geschehene hinauslangt. Diese Auffassung ergibt sich aus der Korrelation zwischen Vergangenheit und Zukunft. In ihr „erzeugen das Denken und der Wille ihren Inhalt". Hier nun findet Cohen wie unterwegs sein Judentum, und — als wäre es so vorherbestimmt — die protestantische Bibelforschung hatte ebendort einen neuen Aufflug genommen. Julius Wellhausen sagt von den Zukunftsbildern des Jesaja: „Es werden hier nicht zufällige Dinge vorausverkündet, sondern Ziele aufgestellt, deren Verwirklichung zwar erst von der Zukunft erwartet wird, die aber schon in der Gegenwart Geltung haben oder haben sollten, zu denen das Gemeinwesen seiner wahren Natur nach hinstrebt." Diese „Gegenwart" ist nur ein Bindestrich; sie trägt den Gehalt der Vergangenheit in die Zukunft hinüber; denn „wo das Gemeinwesen seiner Natur nach hinstrebt", das bezeugt eben für die Propheten die Geschichte ihres Volkes und weiterhin aller Völker zumal, und was in der Prophetie zur Vision sich sammelt, das wird für den deutschen Philosophen zu einem Hindrängen der theoretischen Begriffe nach der Vereinigung mit den sittlichen Ideen. Mendelssohn hatte die „Erziehung des Menschengeschlechts" abgelehnt, nicht nur „weil der Sinn für Geschichte ihm abging", sondern aus Besorgnis um die menschliche Freiheit, um das Eigenrecht der einzelnen Menschenseele im Angesichte der Gottheit. Nun erst wagt sich der Messianismus wieder hervor: die Tradition lastet nicht mehr, und sie hat sich doch nicht verflüchtigt, sie ist einbezogen in den geschichtlichen Fortgang und dadurch in das freie Eigentum des Bewußtseins übergegangen; und auch das Gesetz wirkt nicht mehr wie ein äußeres Gebot: als zeitiges Gefäß des Monotheismus wird es geschichtlich gewürdigt, als Symbol und Element „des Fortbestandes und der Entwicklung geistiger Erscheinungen" in der Linie Mendelssohns, aber noch genauer und darum freisinniger verstanden. Gelegentlich der Gleichung „so deutsch, so metaphysisch" haben wir — über Mendelssohns eignen systematischen Standpunkt hinaus — „Metaphysik" in einem weiteren Sinne gefaßt. Es ist eine Erkenntnis gemeint, die aufs Ganze geht. So wird als eigentümlich deutsch anzusprechen sein auch und erst recht die kantische Erfahrungslehre, „die die Grenze ihrer selbst kennen lehrt". Denn so versteht Cohen den Primat der praktischen Vernunft, „daß wir, im theoretischen Sinne, die Unbegreiflichkeit jener Grenze begreifen". Damit wird eben das geleistet, was die frühere Metaphysik zu leisten versprochen hatte, nur daß die Unbegreiflichkeit als solche dabei nicht aufgelöst, nicht angetastet wird. Auch das Begreifen wird nicht eingeengt, nur eingebahnt, auf die unerschöpfliche Wechselbeziehung zwischen Logik und Ethik hingewendet. Man könnte sagen: was zunächst „Grenze" der Vernunft benannt wurde, das ist ihre Urkraft. Wenn das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.