Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die jüdische Gefahr
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 426 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Oskar Baum: gängen und kann nach dieser Richtung wohl vollkommen beruhigt sein. Leider können wir nicht mit gleicher Sicherheit darauf bauen, daß dieser Gedankengang nicht in unseren Reihen korrumpierend wirke. Der Gegensatz, der Blühers Gedankenleben so völlig beherrscht, und den er auf so simple Weise seinem Haßbedürfnis dienstbar macht, ist gewiß der zentrale jeder metaphysischen Betrachtungsweise: Gnade und Bemühung, der primäre und sekundäre Menschen typus. Der von. der Gnade Auserwählte mit seiner natürlichen Kraft, Überlegenheit, dem äußeren Erfolg, dem inneren Glück. Der andere, niedere, der soziale Typus, der der fehlenden Gnade mit dem Fleiß der Bemühung nachstrebt, und alle Menschen, soweit es möglich ist, dem idealen Zustand des Begnadeten, der vor ihm herleuchtet, annähern will. Wie sehr es sich hier um ein allgemein menschliches Problem handelt, das mit nationalen Unterschieden gar nichts zu tun hat, dafür ist wohl das beste Beispiel die Liebe als das Wunder, die Ehe als die Bemühung, durch die Form den Inhalt herbeizurufen, durch alle äußeren Begleitumstände einen dem Wunder der göttlichen Erfülltheit tunlichst angenäherten Zustand zu erzwingen. In der Staatskunst vertritt die flammende Gewalt des Führerhelden, des Autokraten das Signum der Begnadung: der Auserwählte, der Eroberer, der die Machtlüsternheit eines Volkes, den Glücksrausch des Befehlens überwältigend verkörpert oder die Not der Bedrängnis und Bedrückung durch andere Völker in seinem Gemüt so unerträglich brennen fühlt, daß er alle zu Tod und Zerstörung, zu Sieg oder Untergang mitfortreißt. Der Parlamentarismus ist nur ein Versuch der Verzweiflung, wenn die Gnade zu lange ausblieb. Das Glück, der Sinn der menschlichen Gesellschaft hängt zwischen den Polen: befehlen und überzeugen, gehorchen oder mitraten, glauben oder rechnen. Blüher darf dessen gewiß sein: Wenn die erlösende Persönlichkeit, die in die Höhe statt in die Breite strebt, erschiene, wenn ein Friedrich der Große aufträte, ihm würden auch die eingeschworensten Demokraten begeistert zufliegen und ihm ihre Rechte überlassen; aber er müßte auch wirklich der Führer in der Not sein und nicht der Flüchtling in der Not. „Freiheit ist ein Vorurteil der Intellektuellen" sagte Lenin, der vorläufig letzte asiatische Usurpator in Europa. Hans Blüher machte die berühmte Gleichung: Intellektueller ist gleich Jude, und sagte: Freiheit ist das Vorurteil der Juden. „Niemals kann eine demokratische Verfassung, wie die Weimarer, legitim sein, denn sie beruht gerade auf dem, was niemals legitime Macht sein kann: dem Votum der Mehrheit des Volkes." Wohl ist die Gnade durch Bemühung nicht zu verdienen, zu ertrotzen, zu erkaufen. Die Werkheiligkeit, die sich einbildet, daß sie es könne, muß sie sogar vereiteln. Aber wenn in Demut, in Selbstüberbietung nur die reinsten Kräfte sich steigern, wird der Boden für die Gnade bereitet: ein getanes Gebet. Wenn Parlamentarismus und Demokratie das Führer-