Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Der größere Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 413 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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413 uns glücklich, Idealen zu dienen, die gleichermaßen dem eigenen Volkstum und der Allgemeinheit zum Segen gereichen, und erfüllen wir die hehre Pflicht, diese Kongruenz aufzuzeigen und zu verallgemeinern. So, voll Initiative, gestaltend, mit segensreichen Veränderungen im Gefolge, wird der größere Zionismus in den Stand gesetzt sein, ein konsolidiertes, dem Gemeinschaftsideal dienendes, der alten Kultur wiedergewonnenes Volk vor Unbill zu schützen und es um ein blühendes Palästina zu gruppieren: wohlerwogene Opfer des Einzelnen werden die Gesamtheit retten, stärken und einem neuen Leben gewinnen. Unser Programm muß demnach etwa folgendermaßen ergänzt werden: Rechtsgutrevision: Beschränkung auf strikteste universalistische (Gemeinschafts-) Politik, Ausscheidung der Unterstützung individueller Aspirationen, die für die Gesamtheit irrelevant sind, womit natürlich nicht Schutz von Leben, Ehre, Freiheit des Erwerbes und Eigentums des Einzelnen als die notwendige Grundlage der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Feststellung des Status der jüdischen Gesellschaft in wirtschaftlicher und sozialer Beziehung, der die günstigste Voraussetzung für Durchführung und Bewahrung der jüdischen Renaissance bedeutet, sowie derjenigen sozialen Erscheinungen, Berufsarten, gesellschaftlichen Betätigungen u. s. w., die diesem Ziel gar nicht oder minder günstig sind, da sie Verpflichtungen oder doch Bindungen und Hemmungen mit Rücksicht auf die nicht jüdische Bevölkerung mit sich bringen (gewisse Beamtenstellen z. B.) und also besser der Privatinitiative überlassen bleiben. Proklamierung des Desinteressements in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht als ursächlich verbunden mit Möglichkeit und Erfolg unserer Renaissancebewegung1). Proklamierung des Rechtes der nichtjüdischen Öffentlichkeit auf Mitwirkung bei Lösung der Judenfrage, gleichzeitig aber auch ihrer unabweisbaren Pflicht, dieses Recht ernsthaft auszuüben. Bereitwilligkeit zur loyalen Mitwirkung unter Betonung des unserem Programm organisch erwachsenden jüdischen Desinteressements, das für die Umwelt wertvolle, segensreiche, spontane Konzessionen bedeutet. (Hier ist zu bedenken, daß in der Praxis die Öffentlichkeit nicht identisch ist mit den bestehenden politischen Parteien. Gerade im Judenpunkt verfolgt der Einzelne häufig umgekehrte oder abgeschwächte Tendenzen, jedenfalls andere als die Fraktion, der er aus irgend welchen Gründen Folge leistet. Wir müssen trachten, davon unabhängig vorzugehen, ohne uns auf diesen Weg irgendwie festzulegen.) Durch die Tatsache, daß wir allein imstande sind, ein durch das immanente Expansionsstreben der Assimilationsidee ständig wieder auftauchende Unruhemoment zu beseitigen, werden wir Pioniere für die Ruhe Europas. Diese Auffassung muß die ganze Bewegung durchdringen, muß insbesondere gegen Fernstehende immer zum Ausdruck gebracht werden. x) Vgl. meinen Artikel „Jüdische Initiativpolitik" in Nr. 1340 der Wiener Morgenzeitung Vom 3. November 1922.