Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Der größere Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 414 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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4i4 Oskar Karbach: Dadurch fallen die Schranken, die uns heute noch von der Umwelt trennen: jeder Einzelne ist zur Mitwirkung aufzurufen, Jude wie Nichtjude. Wir haben von jedermann moralische Unterstützung durch Anerkennung unseres Weges als der bestmöglichen Lösung der Judenfrage zu fordern. Auch an den uns fernstehenden Juden, der sich nicht mehr als solcher fühlt, wird unsere Bewegung also in dieser Form höchst wirkungsvoll herantreten. Wir haben die Assimilationsideen nicht nur als geistige Zersetzungserscheinung innerhalb des Judentums, sondern auch in ihren sozialen Auswirkungen zu bekämpfen. Wir haben diese festzustellen und werden durch Zerlegung des heute unter dem Sammelnamen „Antisemitismus" vereinigten Komplexes in seine anti-assimilatorische und seine von Rassenhaß diktierte Komponente, durch Korrigierung der öffentlichen Meinung diese der, sonst unabwendbaren, Auslieferung an den radikalsten Hetzantisemitismus entziehen können x). Dabei ist zu beachten: Die Idee der jüdischen Einheitsfront ist utopisch, äußerst gefährlich, sinnlos und undurchführbar. Sollten sich Bedenken dagegen erheben, daß man im gegenwärtigen Zeitpunkt, dem der „neutralen" finanziellen Aktionen für Palästina, die Assimilationsidee rücksichtslos bekämpft, so ist darauf zu antworten, daß dieser Einwurf nichts anderes besagt, als die Anerkennung, daß wir durch die Geldaktionen bereits in Abhängigkeit von äußeren Einflüssen gekommen sind, und die freie Entwicklung unserer Bewegung unterbrochen oder beendigt ist. Denen, die diesen Zustand billigen, bleibe es vorbehalten, ihn zu vertreten2). Wir haben Anspruch zu erheben, sowohl als Vertretung des bewußten Judentums wie als Pioniere der Allgemeinheit, auf Verbreitung unserer Ideen, auf eine relativ günstigere Beurteilung, als sie der Assimilation entgegengebracht wird. Dieser Wandel in der Haltung der Außenwelt wird wieder von außerordentlichem Einfluß auf unsere Werbekraft unter den von ihrer Umgebung moralisch abhängigen Juden sein. Wir haben die Kraft, unsere Umgebung durch ein unbedingt konsequentes Vorgehen dazu moralisch zu nötigen, da sie nach Verwerfung der jüdischen Assimilation den anderen Weg des jüdischen Volkes fördern muß, wenn erst einmal die Frage aufgerollt ist. Wenn es schon demagogische Schlagworte im Antisemitismus geben muß, so wollen wir an Stelle des Schlagwortes „Ostjuden" das Schlagwort „Assimilanten" setzen. Diese „moralische Überhöhung" wird uns gelingen. Wir müssen schließlich den Ausbau des Minoritätenschutzes durch Schaffung eines einheitlichen Verantwortlichkeitgebietes!) Vgl. meine Artikel: „Die Forderung des Augenblicks", Wiener Morgenzeitung Nr. 1370 v~ 3. Dezember 1922 und „Die Dreiteilung des Antisemitismus", Prager „Selbstwehr" v.. 4. August 1922. 2) Vgl. meinen Artikel: „Alljüdischer Weltkongreß und öffentliche Meinung", Wiener Morgenzeitung Nr. 1349 v. 12. November 1922.