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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 411

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Der größere Zionismus
Date
1923-01-01
Page
411 (sequence 7)
Language
German
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Der größere Zionismus 411 es ist die erste Erkenntnis des bewußten Judentums, daß keineswegs eine noch so große Summe glücklicher jüdischer Einzelschicksale eine glückliche Volkszukunft, sondern umgekehrt diese die Voraussetzung günstiger Individualexistenzen darstellt. Man hat unentschlossen an der Möglichkeit vorbeigesehen, daß die Summe der Einzelschicksale mit dem, was für die Sicherung der jüdischen Zukunft notwendig sein kann, einmal kollidieren könnte, daß eine Fortsetzung des Zuges nach persönlicher Expansion diesen Zusammenstoß nur wahrscheinlicher machen und beschleunigen kann. Wir müssen danach streben, unserer Entwicklung nach Möglichkeit Stetigkeit und Stabilisierung zu verleihen: die Welt wird immer wieder von ständigen, mehr oder weniger heftigen Krisen und Erschütterungen heimgesucht werden. Je exponierter das Individuum, je intensiver seine Teilnahme an den Wirren der Zeit, desto mehr gebunden und verpflichtet, desto unfreier und von äußeren Einflüssen diktiert ist der Gang unseres Geschickes. Die Bilanz unserer Beziehungen ist denkbar ungünstig: zu den meisten Staaten, zu fast allen Parteien und Bewegungen ist unser Verhältnis offen feindselig, gespannt, kühl ignorierend. Der Gedanke, daß alle oder doch einige an der Lösung der Judenfrage brennend interessierte Faktoren spontan und aufrichtig unsere Bestrebungen zumindest moralisch unterstützen könnten, liegt heute so ferne, daß er utopisch scheint. Daß die Erkenntnis dieses Weges aber vorhanden ist, zeigt das begierige Aufgreifen jeder günstigen Äußerung eines nichtjüdischen Politikers über den Zionismus, selbst wenn er sie als Privatmann getan hatte. Nur eine jüdische Politik, die es, von der Untrennbarkeit der parallelen Entwicklung in Europa und Palästina überzeugt, verstehen wird, die politischen Kräfte unserer Bestrebungen zu lösen und auf die Außenwelt einwirken zu lassen, kann den Schlußpunkt setzen hinter jene bedrückende und hilflose Periode unserer Bewegung, die wir eben durchmachen. Die günstigen Aussichten, die sich diesem Vorhaben eröffnen, kommen für den jüdischen Politiker, der unverwandt den Blick auf die Erfordernisse der nationalen Entwicklung zu richten hat, erst in zweiter Reihe in Betracht', aber es versteht sich, daß sie ihn befriedigen können. Ohne Rücksicht auf die persönliche Gesinnung, die viele wertvolle und treue Anhänger unserer Bewegung in weltfremden und abgeschlossenen Einstellungen verharren läßt, haben wir die Pflicht, alle Möglichkeiten voll auszunützen und die uns gebührende Stellung einzunehmen. Ja, selbst ohne Aussicht auf Erfolg würde es die Geschlossenheit unseres, heute noch in wesentlichen Punkten lückenhaften und sich widersprechenden, Programmes erfordern, den schönen Torso zu ergänzen. Die Zukunft gehört dem „größeren Zionismus", der die Bewegung zur vollen Entfaltung aller Kräfte und Möglichkeiten führt, und zwar durch Schaffung einer öffentlichen Meinung, die ihm nicht etwa nur oberflächlich gewogen, sondern durchdrungen ist von seiner Notwendigkeit und seinem Nutzen für die Ruhe der Welt. Durch die Befreiung des ju-

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