Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Der größere Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4io Oskar Karbac h: Unsere heutigen sozialen Zustände sind erwachsen auf dem Boden der Assimilation1), die dem heute noch repräsentativen Teile des Judentums, die vor allem aber der Staatsgewalt als Richtschnur zur Ordnung jüdischer Verhältnisse diente und noch dient: die Aspirationen des jüdischen Individuums sind individualistisch-expansiv, seine Begriffe vom Recht, von der Expansionssphäre des Einzelnen und von dem ihm zustehenden Rechtsschutz sind von uns unverändert übernommen worden. Wir haben den verhängnisvollen Schritt unternommen, jegliche Rechtsgutrevision zu unterlassen, wir haben — universalistische und individualistische Politik verkoppelnd —■ bedingungslos Kraft und Ansehen der Gesamtheit in die Wagschale geworfen für Aspirationen eines Einzelnen oder Einzelner, haben sie zum Politikum gemacht, ohne danach zu fragen, ob das notwendig und nützlich war. Die Folge war der Zionismus als Versicherungsanstalt für ein glückliches Leben, wie ihn Hans Kohn genannt hat. Die Fragen, die gestellt werden müssen, lauten vielmehr: Welche sozialen Änderungen sind notwendig, um das jüdische Individuum mit Aussicht auf Erfolg zur jüdischen Renaissance hinzuleiten? Was ist der best denkbare Status der jüdischen Gruppe in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, sozialer Hinsicht, um der jüdischen Renaissance Dauer zu verleihen? Welches der überhaupt beste Weg zur Verwirklichung des Palästinagedankens? Diese Fragen sind, zumindest so, nicht gestellt worden, weil man glaubte, an der Richtigkeit des allgemeinen Kurses der Assimilationsepoche nicht rütteln zu dürfen. Auch für das bewußte Judentum war die Judenfrage, wenigstens in Mitteleuropa, noch lediglich identisch mit dem Antisemitismus. Unentschlossenheit, ein mißverstandener Opportunismus, gefühlsmäßige Momente ließen das jüdischnationale Programm, wie es heute ausgesprochen oder ergänzt werden kann, als additionelles erscheinen. Der völlige Mangel nüchternen politischen Denkens ist anders wohl nicht erklärlich. Indem man nahezu kritiklos das Individualförderungssystem der Assimilation, die geistig in allen ihren Spielarten vom „freien Spiel der Kräfte" xies Liberalismus ihren Ausgang nahm, zum Inhalte jüdischnationaler Galuthpolitik erhob, verbaute man selbst die freie Bahn des Aufstiegs zum europäischen Faktor, aber auch die der Verwirklichung einer Geistesrenaissance in großem Maßstabe. Denn es gab niemals eine geistige Bewegung ohne sozialen und politischen Anstoß. Wir haben heute wohl nicht zu viel positives, aber zu wenig negatives Programm: will man bauen, muß man erst niederreißen. Wir benötigen dringend einer gründlichen Revision des Begriffes des jüdischnationalen Rechtsgutes und der Einschränkung derjenigen Aufgaben, zu deren Lösung der ganze kleine Besitz an moralischen Werten, die im bewußten Judentum vereinigt sind, freudig und verantwortungsvoll in die Wagschale geworfen werden darf. Nur im Interesse universalistischer Gemeinschaftsziele darf dies geschehen, die Politik muß sich aus der Versicherungsanstalt des Individuums zum Werkzeug der Gesamtheit empor entwickeln:!) Vgl. meinen Artikel „Das Prinzip der Assimilation" im „Juden", Heft 9, Juni 1922'