Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Der Zionismus und die Erziehungsarbeit
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 400 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108292--6203-3108353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
400 Josef Lurje: aber das Hindernis liegt nicht nur an dem Verhalten der Regierung. Auch breitere Schichten der jüdischen Bevölkerung, Gemeinden und Kolonien, setzen sich dem Streben des Nationalrates nach Ausdehnung seiner Befugnisse entgegen. Der Nationalrat hat keine Macht, seinen Willen anderen aufzudrängen. Alle von ihm gemachten Versuche, die Gemeinden nach seinen Grundsätzen zu organisieren, sind gescheitert. Sein Einfluß und seine Autorität im Lande sind von keinem großen Umfange, und diese seine Schwäche ist jedenfalls nicht den an seiner Spitze stehendenPersonen zuzuschreiben; aber der Jischuv ist aus mehreren kleinen Gemeinden zusammengesetzt, von denen jede ihre eigenen Interessen und Ambitionen, und manche sogar ihre eigene Sprache und eigene Sitten hat. Um mit diesem Individualismus und dieser Anarchie aufzuräumen, sind Geduld und Entwicklung notwendig. Unter solchen Bedingungen lebt und wirkt der Nationalrat, auch an seinen eigenen Reihen durch Parteikämpfe zerrissen und zersplittert. Er kann sogar die minimalen Mittel für seine eigene Verwaltung nur mit Mühe aufbringen und hat nicht einmal das nötige Geld für die wenigen von ihm geleiteten Institutionen — wie könnte es also für ihn möglich sein, die großen Summen für die Erziehungsarbeit bereitzustellen? Die Übergabe unserer Schulen an den Nationalrat würde nur die Illusion einer Lösung schaffen, aber in Wirklichkeit die Schulen ohne Mittel und ohne Unterstützung ihrem eigenen Schicksale überlassen. Und noch eins. Es ist uns gelungen, die hebräischen Schulen in Palästina durch eine einheitliche Verwaltung zu vereinigen, nämlich durch die zionistische Leitung, deren Autorität die ganze jüdische Welt und auch der Jischuv restlos anerkennen, und vor der sich sowohl die allgemeinen, als auch die orthodoxen Schulen beugen. Nur diese Leitung bietet ihnen die vollständige Sicherheit, ihre Funktionen als Erziehungsanstalten voll erfüllen zu können, ohne jeden politischen Kampf und ohne alle Parteizwistigkeiten. Der Aufsichtsrat der orthodoxen Schulen hat mehrmals in offiziellen Resolutionen seine Zufriedenheit mit der einheitlichen Schulverwaltung zum Ausdruck gebracht, da sie der Arbeit Segen gebracht habe. Es gibt zwar auch jetzt noch einzelne Orthodoxe, die der einheitlichen Leitung widerstreben, aber unter ihnen gibt es keine Lehrer orthodoxer Schulen, und ihre Motive liegen nicht auf dem Gebiete der Erziehungsarbeit, sondern entstammen Rücksichten der Politik und Partei. Durch Übergabe der Schulen an den Nationalrat würde diese Einheit sofort zerstört werden. Die orthodoxen Schulen würden in diesem Falle die Vereinigung mit den allgemeinen Schulen aufgeben und sich eine eigene Verwaltung schaffen. Eine Erklärung in diesem Sinne haben maßgebende Leiter der orthodoxen Erziehung bei verschiedenen Gelegenheiten abgegeben. Die Orthodoxen verfechten innerhalb des Nationalrates besondere Ansichten und sind sich über ihre Beteiligung an dieser Institution überhaupt noch durchaus nicht im klaren; es wäre daher äußerst gefährlich, die Streitpunkte im Nationalrat noch durch die Schulfrage zu vermehren. Diese Kämpfe werden nicht innerhalb des Nationalrates bleiben, die Politik, die wir aus