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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 398

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Der Zionismus und die Erziehungsarbeit
Date
1923-01-01
Page
398 (sequence 3)
Language
German
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398 sein. Und umgekehrt: seine Entfremdung von den geistigen Schätzen des Judentums wird seine Widerstandskraft schwächen, sein nationales Bewußtsein unterdrücken, seine Hingabe an Zion und seine Tatkraft erlahmen lassen. Bis vor kurzem noch nährte sich der Zionismus von dem an geistigen Schätzen reichen russischen Judentum. Dieses östliche Zentrum war eine unversiegbare Quelle geistiger Schöpfungen, es gab uns eine lange Reihe jüdischer Kämpfer. Diese Welt jüdischen Wissens und Strebens, jüdischer Tradition, Sehnsucht und Heiligkeit ist untergegangen. Als letzter Quell verjüngenden jüdischen Leben ist nur der Kern in Palästina übriggeblieben. Woher aber wird der Zionismus seine geistigen Kräfte schöpfen, wo wird die Quelle für Hingabe und Opferwilligkeit sein, die für die jüdische Wiederauflebung unentbehrlich sind, wenn wir nicht das neue Zentrum kräftigen und für seine Entwicklung sorgen? Wird dann nicht auch der Zionismus zugleich mit der geistigen Verarmung des Volkes verarmen? Ohne jüdischkulturelle Werte wird der Zionismus ein Körper ohne Seele sein. Und wenn man einwendet, der Zionismus, weit entfernt von jeder Gegnerschaft gegen die Kulturarbeit, solle eben nur die Bedingungen schaffen, die die Entwicklung des Landes ermöglichen: günstige politische Verhältnisse, leichtere Einwanderung, bessere Kolonisationsmöglichkeiten — dann ist zu fragen, ob denn nicht auch ein geordnetes Erziehungswesen zu den Bedingungen gehöre, die für Immigranten und Einwohner günstig oder ungünstig sein können, ob nicht auch es Anziehungskraft für neue Immigranten und ein Entwicklungselemeht für das Land sein könne, oder aber das Gegenteil: ein vom Lande abstoßender und die Entwicklung hemmender Faktor? Es ist klar, daß auch die Erziehungsarbeit in die Bedingungen mit einbegriffen werden muß, die wir zu schaffen haben, um den Einwanderern die Möglichkeit der Niederlassung zu geben. Diese Gründe sollten schon genügen, um die Erziehungsarbeit in Palästina als eine nicht nur das Land allein angehende Aufgabe zu erweisen, die nur die Bedürfnisse einer kleinen, in Palästina lebenden Gemeinschaft zu befriedigen hätte. Nein: die hebräische Schule ist die Grundlage für das neue Kulturleben des Judentums, und daher kann sie nicht bloß Angelegenheit der jüdischen Bevölkerung Palästinas sein. Man setzt diese Frage oft in einen unpassenden Rahmen hinein: es gebe in Palästina eine jüdische Gemeinschaft, die ihre Schulen nicht selbst erhalten wolle oder könne und deshalb Hilfe vom Auslande verlange, ganz wie sie um Unterstützung ihrer Wohltätigkeitsanstalten bitte oder wie andere jüdische Gemeinden, größere und kleinere, für ihre Schulen auswärts Geld sammeln. Dies war die Prämisse des Herrn Brandeis und seiner Gruppe. Sie betonten ausdrücklich, daß die Schulen Palästinas sie nicht mehr interessieren, als die anderer Länder auch. Mögen die Juden Palästinas selbst für die Erziehung ihrer Kinder sorgen und ihre Schulen ihren Wünschen und Mitteln gemäß errichten. Aber diese Prämisse war falsch und daher auch die daraus gezogenen Schlüsse. Die Wiederbelebung des jüdischen Geistes ist ein nationales Bedürfnis, ganz gleich, ob wir in Palä-

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