Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Der Zionismus und die Erziehungsarbeit
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 397 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus und die Erziehungsarbeit 397 hervor, die im Winter 1920 nach Palästina kam. Sie fand eine organisierte Judenheit vor, mit einem Nationalrat an der Spitze, und kam auf den Einfall, die Schullast auf die Schultern dieser Behörde zu laden. Fördert dieses Streben, die Erziehungsarbeit loszuwerden, den Zionismus? Wird er nicht wirklich größere Leistungen aufweisen können, wenn er seine gesamte Tätigkeit und Energie auf ökonomische Arbeiten konzentriert, auf die Gründung von Kolonien, Städtebau, Förderung von Handel und Industrie? Diesem Gedankengange ist am besten die Kolonisationsgeschichte des praktischen Amerika selbst entgegenzustellen. Die dorthin eingewanderten Puritaner begannen sofort mit der Erziehungsarbeit. Die von ihnen gegründeten Schulen dienten als Grundlage für das demokratische Volksschulwesen der Vereinigten Staaten und waren ein wichtiges Anziehungselement für Emigranten, die sich in Amerika nach religiöser Freiheit und nach einer neuen sozialen Gemeinschaft sehnten. Und nun gar das ,,Volk des Buches" — es kommt nicht nach Palästina, bloß um Geld zu verdienen, sondern auch um seine geistigen Ansprüche zu befriedigen und um der neuen Jugend eine hebräisch-nationale Erziehungsmöglichkeit zu bieten. In zahlreichen Fällen kommt der Jude her, obwohl dieser Schritt seinen materiellen Interessen entgegengesetzt ist. Manchmal wird er bewogen von der Sehnsucht nach einem national-geistigen Leben, manchmal wird er durch das Streben zur Schöpfung eines neuen jüdischen Lebens geleitet und ziemlich oft durch den Wunsch bestimmt, seinen Kindern eine nationale Erziehung zu sichern. Wir haben gesehen, in welchem Maße das Jaffaer Gymnasium zu der Entwicklung Tel Avivs beigetragen hat. Wohlhabende Eltern kamen ins Land ihrer Kinder wegen. Sie brachten Geld mit und bauten Häuser in Tel Aviv. Unsere Kolonien sind ohne Schulen undenkbar. Kolonisten verlassen eine Kolonie, wenn sie dort keine Möglichkeit für die Erziehung ihrer Kinder finden. Der Kolonie Ekron drohte vor einigen Jahren der Untergang, weil viele Familien sie infolge des unbefriedigenden Zustandes der dortigen Schule verlassen wollten. Erziehung und Kultur sind also kein Bedürfnis niederen Ranges, das verdrängt oder aufgeschoben werden kann, bis der ökonomische Zustand des Landes gesichert ist oder die finanzielle Lage der Organisation sich gebessert hat. Die geistigen Aufgaben stehen in engem Zusammenhange mit unserer Kolonisationsarbeit; ohne sie ist auch keine kolonisatorische oder sonstige rein ökonomische Tätigkeit möglich. Aber Erziehungs- und Kulturarbeit sind nicht ein Bedürfnis des Jischuv allein. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der zionistischen Bewegung; ohne sie ist ihr tieferes Eindringen ins Leben undenkbar. Die Auferstehung der hebräischen Sprache in Palästina wurde eine große, schöpferische Kraft, die schon heute auf das gesamte Judentum ihre Wirkung ausübt: sie stärkt den jüdischen Drang nach Palästina, erzeugt neue Kräfte und Werte im Judentum, und zwar nicht nur auf geistigem, sondern sogar auch auf ökonomischem Gebiete. Je gesünder und stärker unser Volk wird, desto stärker wird seine Beteiligung am Wiederaufbauwerke