Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Meine Kongressrede
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 394 (sequence 6)
- Language
- German
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394 Markus Ehrenpreis: ihr zusammenhängen, verteidigen als beati possidentes einen fiktiven Besitzstand — und nennen das: den nationalen Charakter des jüdischen Palästina wahren. Als ob dem jüdischen Palästina irgendeine Assimilationsgefahr drohe, als ob die assimilierteste Gruppe das jüdische Palästina anders als national aufbauen könne. Der jetzt so heftig und mit überflüssigem Tief sinn geführte Streit über die Erweiterung der „Agency" ist ein Streit um des Kaisers Bart. Der Charakter der Agency wird nicht auf unseren Konventikeln und nicht auf unserem Kongreß, sondern von den zwei entscheidenden Faktoren bestimmt: von der Mandatarmacht und von der jüdischen Gesamtheit. Die Mandatarmacht hat ihren Willen deutlich genug kundgetan: Der Balfourbrief wurde nicht an die zionistische Organisation, sondern an einen jüdischen Bürger Englands gerichtet; vor die Friedenskonferenz wurde neben den zionistischen ein Repräsentant der Alliance gerufen; und Artikel 4 des Mandats verlangt ausdrücklich %ine gesamtjüdische Agency. Auch die heutige reinzionistische „Agency" ist eine Fiktion; ihre Macht ist gleich Null. Ebenso deutlich hat die jüdische Gesamtheit ihren Willen kundgetan. Der Keren-Hajessod, der für die ersten zwei Jahre fünfundzwanzig Millionen Pfund forderte und heute kaum imstande ist, das kleine Palästinabudget zu decken, ist so gut wie gescheitert — trotz meines ungeheuren Propagandaapparates, dessen moralischer Preis gleich -exorbitant ist wie die Agitationskosten. Die mächtigen jüdischen Kreise aller Länder halten sich fern, solange wir das Heft nicht aus der Hand geben: nicht weil sie gegen den Palästinaaufbau, sondern weil sie erfüllt von Mißtrauen gegen den Zionismus sind. So fand uns die Balfourdeklaration in der Diaspora ebenso unvorbereitet wie in Palästina. Am entscheidenden Tage der Tat war Israel nicht in unserem Lager. Heute, in dieser kritischen Stunde, wo unser ganzes Werk gefährdet ist — verteidigen wir krampfhaft den Bestand der Kongreßorganisation, als ob die Partei Selbstzweck wäre. Ich dagegen unterschreibeBrandeis'Wort: Zion steht über Zionismus, und gehe noch einen Schritt weiter: Das Judenvolk steht über Zion! In dieser Welt der Fiktionen, auf denen unser ganzes Parteigetriebe aufgebaut war, haben wir die Realitäten völlig außer Acht gelassen, welche allein Bausteine nicht nur für das jüdische Palästina, sondern für das wiedergeborene jüdische Volk hätten werden können. Wir stehen vor der wesentlichsten Realität: vor der des jüdischen Menschen. Was taten wir für seine Regeneration, für seine Gesundung; für sein Menschwerden im Osten, für sein Wiederjudewerden im Westen, für die jüdische ^Erneuerung im ganzen? Welche jüdischen Werte schufen oder erneuerten iwir, — die unserem Weiterbestand einen historischen Sinn geben können? Das jüdische Seelenringen, das erneuerte jüdische Gottsuchen, das mächtige Gliederstrecken nach unseren Urwurzeln — das alles lebt und webt jenseits vom Zionismus, ohne uns, bisweilen gegen uns. Da reifen langsam und unterirdisch neue lebendige Kräfte, auf lange Sicht, für kommende glücklichere Tage, während wir polternd, in Parlamenten, auf Kongressen und in einer überlauten Presse, von der Hand in den Mund