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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 393

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Meine Kongressrede
Date
1923-01-01
Page
393 (sequence 5)
Language
German
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Meine Kongreßrede 393 hatunsere Diplomatie erschlagen. Die diplomatische Arbeit braucht Stille, Diskretion und ruhiges Ausreifen, die Propaganda aber Geräusch, Sensation und Lärm; der Diplomat verschweigt unfertige Teilerfolge, der Agitator schreit sie über alle Dächer hinaus, vergrößert sie, übertreibt sie. Unsere Führer, seit Herzl, waren Diplomaten und Agitatoren zugleich; deshalb mußte alles kommen, wie es kam. Die arabische Erhebung gegen das Mandat hat, zu einem gewissen Teil, hierin ihren Ursprung. Am i. März 1918 erklärte Emir Faisul offiziell seine Übereinstimmung mit der Balfour-Deklaration. Ebenso erklärte der Vertreter der englischen Kirche in Jerusalem (in „Times"), daß 1917 (nach der Balfourerklärung) bei den Arabern keinerlei feindliche Stimmung gegen die Juden zu merken sei. Doch da setzte unsere Propaganda ein, und wir schrien so laut, daß wir — neben anderem — selbst den schlafenden Löwen weckten. * Eine Fiktion war ferner unsere hartnäckig verfochtene Theorie, daß wir organisierte Zionisten das jüdische Volk seien. Das mag voll und begeisternd klingen, aber wahr ist es nicht. Wir sind nicht das jüdische Volk, sondern nur ein gewisser Bruchteil seiner Massen. Seit dreißig Jahren verkünden wir die ganz willkürliche Teilung des Judentums in „Volk" und „Antizionisten". Das Volk seien wir, die Schekelzahler; alle anderen seien Assimilanten, Geldjuden, Notabein, „Missions"-prediger, Verräter, Feiglinge, Volksfeinde. War dies der richtige Weg, die ersehnte jüdische Einheitsfront herzustellen den Zusammenschluß des Gesamtjudentums vorzubereiten? Wer gab uns das Recht, alle die anderen, die zum Teil das Beste des jüdischen Geistes und Ansehens, jüdischer Gelehrsamkeit und Opferwilligkeit, jüdischer sozialer Macht und Geldkraft repräsentieren, einfach vor die Tür zu weisen, weil sie nicht in allem und jedem mit uns gehen wollten? Ich verteidige gewiß nicht die Feigen, die Ängstlichen, die Egoisten, die Volksfremden* Aber „Antizionist" durfte kein Schimpfname werden und kein Ausschliessungsgrund für gemeinsame Arbeit, wo solche möglich ist. Auch Nichtzionisten können ihr Volk lieben wie wir, und wollen dafür Opfer bringen wie wir. Der Aufbau des jüdischen Palästinas, die Wiedergeburt der hebräischen Sprache und Kultur, der organisierte Zusammenschluß des Gesamt judentums zur Verteidigung der gemeinsamen Lebensinteressen, der Wiederaufbau des Ostjudentums und manches andere — das sind heute gesamtjüdische Postulate, nicht mehr rein-zionistische: sie stoßen kaum mehr auf nennenswerte Gegnerschaft. Warum wehren wir uns seit Jahren gegen diese sachliche Gemeinsamkeit und klammern uns an den nationalistischen Gegensatz, der unausrottbar ist, weil er wesentlich in den entgegengesetzten realen Lebensbedingungen von Ost- und Westjudentum begründet zu sein scheint? Seit Jahren ruft die zionistische Mehrheit nach dem jüdischen Weltkongreß; die Zeit selbst ruft nach dem gesamtjüdischen Zusammenschluß, und niemand kann bestreiten, daß das jüdische Palästina nur vom geeinten Judenvolk aufgebaut werden kann. Doch unsere Leitung und alle Zionisten, die mit

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