Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Meine Kongressrede
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Meine Kongreßrede 395 lebend, das kleine Parteihandwerk betreiben, debattieren, spintisieren, Formeln ausklügeln, uns in Rhetorik üben. Unterdessen verkommt — abgesehen von jenem kleinen Kreis fruchtbarer Vorbereitung — das Volk im Osten immer mehr, entjudet im Westen immer mehr, so daß unsere wesentlichsten historischen Werte verblassen und zusammenschrumpfen. Damit hängt die Realität zusammen, die in unserer Parteiterminologie den ominösen Namen „Kultur" bekam. Sie war seit dem ersten Kongreß das mißhandelte Stiefkind und ist es — auch unter ostjüdischer Leitung — bis auf den heutigen Tag geblieben. Es ist wohl überflüssig, dies durch Beispiele zu erhärten. Der mechanistische Geist des Herzlismus, der nach wie vor unsere Arbeit beherrscht, ist seiner ganzen Natur nach so ungeistig, wie er unhistorisch ist. Auch der rein agitatorische, auf Massenwerbung eingestellte Grundcharakter der Organisation duldet keine Arbeiten auf lange Sicht, die im Verborgenen reifen. Die zionistische Propaganda hat, wie sie die Diplomatie störte, so auch die Kulturarbeit erschlagen. Auch hier liegt die Rettung im Zusammenschluß aller das Judentum bejahenden Kräfte. Unsere schwere Lage von heute kann uns nicht entmutigen, kann unseren Lebenswillen nicht lähmen und unseren Glauben an die Zukunft nicht zerstören. Wir haben Schwereres überstanden; wir sind ein altes, zähes, widerstandsfähiges Volk, und wir können geduldig warten. Doch die Lage zwingt uns zur Einkehr, zur Selbstprüfung; zur Revision veralteter Formen und Begriffe. Wir müssen neue Wege bannen, wenn die alten nicht mehr gangbar sind. Die Wiedergeburt des Judenvolkes steht erst in ihren Anfängen. Die augenblicklichen Rückschläge sind sehr ernster Natur: die Araber sind kämpf entschlossener als je, die politischen Faktoren in England sind enttäuscht, der jüdische Highcommissioner amtsmüde, die jüdischen Machtzentren stehen abseits, das zionistische Lager ist in viele Fraktionen und Fraktionellen zerklüftet und vom Wurm innerer Spaltungen angefressen. Doch das sind vorübergehende Episoden, die nur wurzellose Schekelzahler mutlos machen können. Erheben wir uns zu einem größeren Zionismus; sprengen wir die engen Grenzen des Kongresses einer Partei und sammeln wir den Kongreß der Juden. Wir müssen neue Wege gehen, das ist das Eine, das not tut. Wir müssen die Fiktionen verlassen und uns den jüdischen Realitäten zuwenden. Wir müssen vor allem den Weg zur größten jüdischen Realität finden, den Weg zur gesamten Judenheit.