Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Meine Kongressrede
Date
1923-01-01
Page
392 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108291--6194-3108345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

392 Markus Ehrenpreis: unseren Zionismus. Die Pogromopfer der Ukraine mußten den Keren- Hajessod beweisen: diese Art agitatorischer Baunernfängerei hätte von unserer reinen und großen Sache ferngehalten werden müssen. Eine zweite Fiktion war die zionistische Diplomatie, der Glaube an die papierene Brücke. Seit dreißig Jahren leben wir — organisatorisch gesprochen — von diplomatischen Papierfetzen. Wir sind ein altes, erfahrungsreiches Volk, und haben uns dennoch von den politischen Kinderspielen unseres untergehenden Weltteiles betören lassen. In einer Zeit, wo die Weltdiplomatie ihre ganze Nichtsnutzigkeit endgültig an den Tag gelegt hat, und neue, gesündere Formen des Völkerverkehrs aus dem Chaos unserer Tage hervorzukeimen beginnen, wurden wir fanatische Anbeter dieser betrügerischen Scheinmacht. Zuerst hieß sie Charter; dann Balfour- Deklaration, später Protokoll von San-Remo, endlich Mandat. Es fällt keinem Besonnenen ein, den außerordentlichen Wert der diplomatischen Errungenschaften der letzten Jahre in Abrede zu stellen; doch politische Realitäten sind sie nicht, und das jüdische Nationalheim sind sie auch nicht, und — quod non est in mundo, non est in actis: was nicht in harter, langer Arbeit mit lebendigen Kräften tatsächlich erworben wird? das kann uns kein diplomatisches Aktenstück als Geschenk in den Schoß legen. Alle Geschichtserfahrung und die Erlebnisse des letzten Jahrzehnts beweisen, daß Diplomatie stets hinter den Tatsachen einhergeht, daß sie erst nachträglich den geschaffenen Wirklichkeiten Rechtsform gibt — daß sie aber nicht von sich aus neue Tatsachen zu schaffen imstande ist Unserer jetzigen Leitung wie all unseren bisherigen Leistungen war diese Grundtatsache fremd. Unsere Diplomatie war daher im Wesentlichen ein Klappern von Mühlen, die nichts mahlen; gut für die Propaganda, gut pour epater le bourgeois, aber zu nichts mehr. Die Balfourdeklaration war — trotz ihrer Einschränkungen und gewollten Dunkelheiten und trotz ihrer demonstrativ privaten Form — ein bedeutender Fortschritt; wenn man will: eine geschichtsbildende Tat, doch sie kam für uns zu früh und traf uns unvorbereitet: Wir hatten imposante Kongresse und eine weitverzweigte Presse und waren stark in allerlei lokalen Wahlorganisationen; aber in Palästina waren wir ein schwaches, zerbrechliches Rohr, und der lange vorbereitete Schlag traf ins Leere. Im Jahre 1912 schrieb ich: „Palästina wird nur in Palästina erworben werden, nicht in Helsingfors und nicht in Drohobycz . . . Wir brauchen eine Million Juden in Palästina". Doch für solche Worte gab es bei uns keine Ohren. Und heute überkommt einen das beschämende Gefühl, daß der kleinkolonisatorische Chowewezionismus doch nicht so ganz sinnlos war; unsere Position wäre heute eine wesentlich andere, wenn dieser — neben der politischen und organisatorischen Großarbeit des Zionismus — seine kolonisatorische Kleinarbeit fortgesetzt hätte. All unsere heutigen Enttäuschungen und Notstände haben hier ihre Wurzel. Und noch eines: Die zionistische Politik litt an einer unheilbaren, inneren Krankheit: an dem naturnotwendigen Gegensatz zwischen Diplomatie und Parteipropaganda. Unsere Propaganda

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.